Post aus Japan: Das Land der rĂĽttelnden Tische
Der japanische Baukonzern Shimizu hat die stärksten Schwingtische der japanischen Bauindustrie in Betrieb genommen. Das Ziel ist, das Land noch erdbebensicherer zu machen.
- Martin Kölling
Der japanische Baukonzern Shimizu hat die stärksten Schwingtische der Bauindustrie in Betrieb genommen. Das Ziel ist, Japan noch erdbebensicherer zu machen.
Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.
Der japanische Baukonzern Shimizu begeht den vierten Jahrestag des Megabebens im Nordosten des Landes auf seine Art. Er nimmt die stärksten Schwingtische der japanischen Bauindustrie in Betrieb. Die zwei Testeinrichtungen verblassen zwar vor dem staatlichen Erdbebensimulator e-Defense, der bis zu sechs Stockwerke hohe Gebäude mit bis zu 200 Tonnen Gewicht durch die Gegend wuchten kann. Aber sie erfüllen ihren Zweck. "Wir können die stärksten Beben der Welt simulieren", erklärt Mika Kaneko vom Zentrum für Sicherheitsengineering in Shimizus Forschungszentrum bei der Pressepräsentation das Ziel des Unternehmens am Mittwoch dieser Woche.
Der Erfüllungsgehilfe Shimizus ist der E-Beetle. Seine Plattform ist sieben mal sieben Meter groß und darauf ausgerichtet, verkleinerte Modelle von Hochhäusern seismischem Stress auszusetzen. Seine hydraulischen Kolben können bis zu 70 Tonnen schwere Strukturen bewegen. Doch richtig stolz sind die Ingenieure auf seine Beweglichkeit: Horizontal kann der Simulator bis zu 35 Tonnen schwere Testobjekte mit bis zu 2700 gal beschleunigen und nach oben und unten um jeweils 80 Zentimeter, seitlich um 40 Zentimeter bewegen.
Beschleunigung und Versatz übersteigen die aller Beben, die bisher aufgezeichnet wurden, erklärt ein Ingenieur. Dieser Tisch soll vor allem dazu dienen, die schon recht widerstandsfähige Bautechnik Japans noch erdbebensicherer zu machen. Unter anderem wollen die Experten Hochhäuser über die bisherigen Margen hinaus bis zum Zusammenbruch testen, um deren Erdbebenverhalten besser verstehen zu können.
Aber auch das Verhalten des Gebäudeinneren soll studiert werden. Das Mittel zum Zweck ist der E-Spider direkt nebenan. Er ist nur vier mal vier Meter groß. Aber dafür ist er der einzige Schwingtisch weltweit, der das Verhalten eines Zimmers im Hochhaus bei langwelligen Starkbeben vormachen kann. Seine elektrischen betriebenen Kolben bewegen ihn horizontal um 150 Zentimeter und vertikal bis zu 90 Zentimeter umher. "Wir können den E-Spider nutzen, um das Verhalten von Decken, Wänden und Inneneinrichtung zu testen und Gebäude so sicherer zu machen", sagt Hiroshi Tojo, einer der geschäftsführenden Direktoren des Konzern.
Für die Industrie ist das Innere von Gebäuden noch relatives Neuland. In der Vergangenheit habe man sich vor allem auf die Gebäudestruktur konzentriert, erzählt Tojo. "Aber der Zusammenbruch eines Gebäudes ist nicht die einzige Gefahr." Die Platten von Zwischendecken können herunterkrachen, Zwischenwände umfallen, Möbel umherrutschen und Menschen verletzen oder gar töten.
Außerdem will Shimizu Experten wie Laien in Erdbeben schulen. Auf dem Tisch ist daher als Standardausstattung ein kleines Zimmer mit einem großen Bildschirm aufgebaut. Hier können Gäste und Forscher sich durchrütteln lassen und gleichzeitig dabei zu sehen, wie die auf die Wand projizierten Möbel und Lampen Pogo tanzen.
Das wirkt sehr echt, zeigt ein Proberitt von zehn Minuten durch diverse Erdbeben. Selbst die Lichtkegel der Deckenleuchte schunkeln mit. Zusätzlich wird das typische Ächzen des Gebäudes eingespielt, das niemand so schnell vergessen wird, der einmal ein Beben miterlebt hat.
Nur zwei Zugeständnisse haben die Ingenieure gemacht. Beim stärksten Beben wird die Beschleunigung aus Sorge um die Sicherheit der Gäste um 50 Prozent reduziert, damit sie nicht von den Beinen gehauen oder aus den Sitzen gehoben werden. Außerdem wurde die Nachempfindung des Mega-Beben vor vier Jahren im Obergeschoss eines 24-stöckigen Tokioter Hochhauses von fünf Minuten auf 100 Sekunden abgekürzt, wohl damit niemand seekrank wird.
Ich finde es immer wieder beruhigend, mit welchem Aufwand Japans Ingenieure sich bemühen, uns Japan-Bewohner sicherer schlafen und arbeiten zu lassen. Shimizu ist ja nur ein Unternehmen mit Simulatoren. Viele größere Baukonzerne und Universitäten rütteln auf Geräten unterschiedlichster Größe neue Konzepte durch, um Hoch- wie Einfamilienhäuser sicherer zu machen. Zusätzlich gibt es Demonstrationstische in Museen, Desasterzentren und im Fahrzeugpark der Behörden, um die Menschen mental auf Beben vorzubereiten.
Mein Nachbarschaftsverein beispielsweise organisiert einmal jährlich ein Erdbebentrainig für unseren Wohnblock. Da kommt neben der Feuerwehr auch ein Lastwagen mit aufmontiertem Schwingtisch. In Grüppchen von vier Personen dürfen wir uns unter einen Tisch kauern und einmal ein Beben der japanischen Stärke 7 erleben. Kinder empfinden dies oft als große Gaudi. Erwachsene hingegen erahnen den Schrecken eines starken Bebens. Denn bei maximaler Beschleunigung hebt man wirklich ab. Mein Gedanke war: Wie fühlt sich das nur zu Hause an, wo uns niemand zehn Sekunden vor Beginn des Bebens unter den Tisch befiehlt? Und wo der Tisch nicht am Boden festgeschraubt ist? Ich hoffe, ich werde es nie erfahren. ()