Voll auf die Nase
Nach den Flops der Duftkinos in den 90er-Jahren kommt jetzt eine neue, ĂĽberzeugendere Generation digitaler Duftsynthesizer auf den Markt.
- Stefanie Reinberger
Nach den Flops der Duftkinos in den 90er-Jahren kommt jetzt eine neue, ĂĽberzeugendere Generation digitaler Duftsynthesizer auf den Markt.
Der Duft von gebratenem Speck kitzelt die Nase, das typische Brutzelgeräusch dringt ans Ohr. Beides kommt jedoch nicht aus der Küche, sondern vom iPhone. Der US-Fleischwarenhersteller Oscar Meyer brachte im Frühjahr 2014 im Rahmen eines Gewinnspiels eine limitierte Menge kleiner Aufsatzgeräte für das Mobilgerät unters Volk – zusammen mit einem Nachfüllpack Speckparfüm. Die App "Wake Up & Smell the Bacon" gab es als kostenlosen Download im Apple Store. Auf Befehl, respektive bei Alarm der Weckfunktion, stößt das Kästchen einen Schwall Speckgeruch ab.
Einige mögen die Vorstellung verführerisch finden, ekelhaft oder einfach nur lustig. Andere erinnern sich an Flops aus der digitalen Duftwelt wie die unangenehm intensiven Gerüche, die im Duftkino zu spät und damit deplatziert auftraten. Oder an Zusatzgeräte für den Rechner, die Computerspiele und das Internet zum Duften bringen sollten – mit großem Medienrummel angekündigt, um dann sang- und klanglos von der Bildfläche zu verschwinden. Eine gesunde Portion Skepsis ist also angesagt, vor allem bei so skurrilen Neuentwicklungen wie dem Speckwecker. Doch der Marketing-Gag aus der Fleischfabrik hat es immerhin bis zum Endnutzer geschafft.
Derartige Versuche eint eine Erkenntnis: "In der modernen Kommunikationswelt fehlt die Dimension Duft – dabei wissen wir inzwischen, dass Gerüche eine große Rolle spielen", sagt Geruchsforscher Hanns Hatt von der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Odeur seien Informationen unvollständig. Der Geruchssinn ist direkt mit dem Gedächtnis und den Emotionszentren im Gehirn verknüpft. Düfte beeinflussen daher Wohlbefinden und Entscheidungen. Bahnkunden zeigten sich in einem Experiment zufriedener, wenn es im Waggon blumig-fruchtig riecht. Auch Mercedes-Benz stattet seine S-Klasse mit Duftspendern und auswechselbaren Flacons mit vier verschiedenen Raumparfüms aus – im Zeichen "des sinnlichen Genusses und der Individualität".
Nun sind solche Anwendungen wenig "digital". Das Neue am Speckwecker ist immerhin, dass er übers Smartphone gesteuert werden kann. Er ist eine Spielart des "Scentee" eines japanischen Unternehmens, das auf den Forschungsarbeiten des Australiers Adrian Cheok vom Fachbereich Pervasive Computing an der City University London basiert. Dabei wird ein kleiner Plastikknubbel von der Größe einer Cocktailtomate über die Kopfhörerbuchse ans Smartphone angeschlossen. Bei Eingang einer Duftnachricht sondert er den eingefüllten Geruchsstoff ab. Das Ganze funktioniert wie ein Ultraschall-Duftzerstäuber – gesteuert über einen SIM-Card-großen Chip im Inneren des Scentee.
Variationsreicher ist das oPhone – ein von David Edwards von der Harvard University entwickeltes Zusatzgerät für das iPhone. Anhand von Schlagwörtern wie "Zitrus", "Safran" oder "Rotwein" mischt der Sender die gewünschte Note und verschickt das Rezept. Das Empfangsgerät erzeugt als eine Art Duftdrucker das gewünschte Bouquet. Im Korpus des oPhone, das entfernt an einen Dampfer mit zwei Schornsteinen erinnert, stecken acht Kapseln mit insgesamt 32 Grundaromen. Geschickt kombiniert, sollen sich daraus bis zu 300000 verschiedene Gerüche versenden lassen. Die erste Duftnachricht, mit dem Prototyp von Paris nach New York gesendet, roch nach Macarons und Champagner. Über den Zeitpunkt der Markteinführung des oPhone gibt der Entwickler keinen konkreten Hinweis. Die dazugehörige App ist dagegen schon über den Apple Store erhältlich.
Allerdings: Während das Gehör auch eine verzerrte Stimme noch erkennt und das Auge mit pixeligen Bildern klarkommt, lässt sich der Geruchsinn von Imitationen nicht so leicht an der Nase herumführen. Er verlangt nach Präzision, sonst weckt er nicht die gewünschte Assoziation. Da überrascht es nicht, dass ein Tester die Ausdünstungen des Speckweckers als "rauchig" beschreibt, ein anderer sich gar an einen Sattel erinnert fühlt. "Wir besitzen mehr als 350 verschiedene Geruchsrezeptoren, die dem Gehirn ein exaktes dreidimensionales Muster der chemischen Zusammensetzung eines Dufts liefern", erklärt Hatt.
So exakt lässt sich per Smartphone-App kaum mixen. Um die Originalnote so genau wie möglich zu kopieren, hat die Britin Amy Radcliffe ein spezielles Gerät entwickelt. Es fängt den Geruch von Objekten, die unter einer Glasglocke platziert werden, in einem Probenröhrchen ein. Im Labor wird der Duft analysiert und nachsynthetisiert. Die Idee basiert auf einer Technik, mit der der Schweizer Riechstoffchemiker Roman Kaiser bereits seit 1975 Gerüche rekonstruiert hat.
Doch selbst bei sorgfältiger Herstellung unterscheidet der Geruchssinn zwischen Natur und Labor. "Auch wenn Probanden einen künstlichen Duft klar als ,Orange' identifizieren, sehen wir im Gehirn andere Aktivierungsmuster, und die Personen haben andere Assoziationen als bei einer echten Orange", sagt Hatt. Digitale Duft-Selfies hält er derzeit für technisch undenkbar – und sieht noch ein Problem: "Sie müssen die Gerüche auch wieder loswerden, sonst wird es schnell ganz fürchterlich." (bsc)