Virtueller Realismus

Seit Kurzem können Architekten ihre Werke fotografieren, bevor sie gebaut sind.

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Von
  • Wolfgang Richter

Seit Kurzem können Architekten ihre Werke fotografieren, bevor sie gebaut sind.

What you see is what you get – die drei Jahrzehnte alte Formel des Desktop-Publishing kommt erst langsam in der Architektur an. Noch heute kleben Architekten Pappkartons für ihre Modelle. Oft entscheiden nur Grundrisszeichnungen darüber, wo Anleger ihre Ersparnisse in Beton gießen lassen. "Erst seit vier bis fünf Jahren hat sich Fotorealismus für Architekturvisualisierungen etabliert", sagt Peter Stulz, Gründer der Visualisierungs-Agentur xoio in Berlin, die inzwischen eine zentrale Rolle in der internationalen Community der Branche spielt.

Mit einer virtuellen Kamera fotografieren Stulz und sein zwölfköpfiges Team Gebäude, bevor sie überhaupt gebaut sind. So können sich Kunden die Wirkung eines geplanten Gebäudes plastisch vorstellen. Wie sieht es nachts aus oder bei Regen? Wie wirkt es auf Fußgänger und wie auf die Menschen im Nachbarhaus? Erst die erschwingliche Rechenleistung moderner Computer hat diese Entwicklung möglich gemacht.

Auf den Bildern von xoio, die meist um die 2000 Euro kosten, stehen beleuchtete Hochhäuser vor Gewitterwolken, Bettlaken knittern sich authentisch in noch nicht gebauten Schlafzimmern. Zur Erschaffung ihrer Welten übertragen die Visualisierer die Planungsunterlagen in eine 3D-Software, wie sie auch Computerspiel-Entwickler nutzten. Dann fügen sie Möbel, Bäume oder Gras hinzu, jeweils aufgelöst in Hunderttausende bis Millionen von Vielecken. Die Kunst besteht nun darin, diese Geometrien mit fotorealistischen Oberflächen zu belegen.

Um die zu erzeugen, kommen zum einen echte Fotografien zum Einsatz, etwa von Backsteinen, Betonmauern oder Parkettböden. Zum anderen existieren Plug-ins und Zusatzprogramme für spezielle Objekte. Bei deren Einsatz ist Kreativität gefragt. So konnte die Agentur ein Waldmodul zum Erschaffen von Bäumen auch benutzen, um Himbeeren in einer Schale und Fans in einem Fußballstadion zu erzeugen. Bei allen drei Anwendungen wird eine Grundfigur variiert, und diese Varianten werden dann so in einem Gebiet platziert, dass es natürlich aussieht.

"Am Ende kommt es aber vor allem auf die richtige Lichtsetzung an und auf das künstlerische Gespür", sagt Stulz. Denn wo ein Sessel etwas abgewetzt sein muss, damit er echt wirkt, müsse man im Gefühl haben. Xoio-Mitarbeiter Lasse Rode ist nun mithilfe der Spielentwicklungs-Software Unreal Engine noch ein entscheidender weiterer Schritt gelungen: fotorealistische Rundgänge durch Räume in Echtzeit – wie in einem Computerspiel, nur in deutlich höherer Qualität.

Wohin sich der virtuelle Besucher einer geplanten Eigentumswohnung auch wendet, errechnet die Software eine echt wirkende Szene, und zwar in Sekundenbruchteilen. Damit das klappt, hat Rode die Menge der abgebildeten Objekte stark eingeschränkt. Statt beispielsweise vier Weingläser auf einen Tisch zu stellen, findet sich dort nur eines. Dafür aber zeigt es sämtliche Lichtspiegelungen oder Schattenwürfe, die in der Realität auftreten. Inzwischen haben sich die Macher der Unreal Engine bei Rode gemeldet. Sie waren sich selbst nicht bewusst, welches Potenzial in ihrer Anwendung steckt – und wollen Architektur-Visualisierungen nun zu ihrem zweiten Geschäftsfeld ausbauen. Jetzt müssen die Planer nur noch auf idealisierende PR-Effekte verzichten, dann haben auch die künftigen Bewohner etwas davon. (bsc)