Superinvestor Thiel drängt in den Biotech-Bereich

Mit PayPal und einer frühen Beteiligung an Facebook hat es Peter Thiel zu Reichtum und Berühmtheit im Silicon Valley gebracht. Seitdem betätigt er sich als Wagniskapitalgeber – nicht nur bei IT-Unternehmen.

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Von
  • Antonio Regalado

Mit PayPal und einer frühen Beteiligung an Facebook hat es Peter Thiel zu Reichtum und Berühmtheit im Silicon Valley gebracht. Seitdem betätigt er sich als Wagniskapitalgeber – nicht nur bei IT-Unternehmen.

Peter Thiel gehörte zu den Gründern von PayPal, hat als einer der ersten Investoren Facebook entdeckt und ist Autor von Zero to One, einem kurzem Buch über das kontraintuitive Denken, das ihn zu einer Art Gottheit im Silicon Valley gemacht hat.

Weniger bekannt ist Thiels Engagement bei Biotechnologie. Mittlerweile hat er in mehr als 25 Start-ups auf diesem Gebiet investiert, von denen eines bereits rund 1 Milliarde Dollar wert ist.

Damit gehört Thiel zur Avantgarde der prominenten Technologie-Investoren, die in Biotech investieren. Mit dabei ist auch Google: 2013 sorgte der Suchmaschinenriese für Aufsehen, als er in das Lebensverlängerungs-Startup Calico investierte. Und der Inkubator Y Combinator meldete in diesem Jahr, 10 der 116 von ihm unterstützten Start-ups seien Biotech-Unternehmen – höher war der Anteil noch nie.

Thiel ist wie Google zum Teil von der Hoffnung motiviert, ein Mittel gegen das Altern zu finden. Dieses Gebiet der Medizin ist nach seinen Worten „strukturell untererforscht“.

Die weiter reichende Änderung aber liegt darin, dass Biotechnologie billiger und einfacher wird – dadurch werden Biotechfirmen Software-Startups immer ähnlicher. Heutzutage kann man DNA im Internet bestellen, Crowdfunding für ein Gentechnik-Projekt betreiben oder Experimente extern erledigen lassen.

Austen Heinz ist CEO von Cambrian Genomics, einem Anbieter von maßgeschneiderten DNA-Strängen. Man könne sich ja vorstellen, was passiert, wenn sich Biotech so einfach ausprobieren und testen lässt wie Software, sagt er: „Es wird eine Explosion an Biotech-Unternehmen geben.“

Die meisten der Biotech-Investitionen von Thiel kamen von seiner wohltätigen Thiel Foundation. Mindestens fünf Unternehmen auf dem Gebiet erhielten aber auch Geld von seiner Wagniskapitalfirma Founders Fund. Zu ihnen zählen Cambrian, Emerald Therapeutics und Stem CentRx, das derzeit klinische Studien mit einem Antikörper-Medikament gegen Lungenkrebs vornimmt.

Thiel sieht ein grundlegendes Problem für die Biotech-Branche: Die Entwicklung neuer Medikamente, die wirken können oder auch nicht, kostet zig Millionen Dollar – Sicherheit gibt es hier nicht, denn die Biologie ist unvorhersagbar und komplex. „Die meisten Unternehmen stecken im Paradigma der Unvorhersagbarkeit fest“, sagt Thiel. „Aber wenn man Firmen als Lotterieticket betrachtet, gibt es sowohl für die Beteiligten als auch für die Investoren nicht mehr viel zu gewinnen. Eine geringe Wahrscheinlichkeit, multipliziert mit einer hohen Auszahlung im Erfolgsfall, ergibt normalerweise Null.“

Thiel selbst dagegen sucht, wie er sagt, eher nach Unternehmen mit einer Theorie, die sich systematisch in die Praxis umsetzen lässt – nicht nach solchen, die mühsam empirische Belege für eine Vermutung suchen müssen. Zum Beispiel Counsyl, ein Anbieter von DNA-Tests für werdende Eltern: „Dessen wichtigstes Argument bestand darin, dass Genomik im Prinzip Betrug ist“, sagt Thiel. Seit 2011 zählt er zu den Investoren von Counsyl und hat sich bislang mit 17 Millionen Dollar beteiligt.

Zu dieser Zeit machten Forscher viel Aufhebens um die Idee, DNA könne das Risiko erkennen lassen, an verbreiteten Krankheiten wie Diabetes zu erkranken. Counsyl entwickelte stattdessen eine günstige, weitgehend automatisierte und verbraucherfreundliche Methode für Tests auf seltene Krankheiten, deren Vererbungsmuster gut erforscht sind. Tatsächlich folgt das Unternehmen dabei der Theorie von Mendel aus dem 19. Jahrhundert.

Tests von Counsyl werden inzwischen bei mehr als 3 Prozent aller Geburten in den USA eingesetzt, und das nicht börsennotierte Unternehmen kommt auf eine Bewertung von rund 1 Milliarde Dollar. Damit ist es eines der „Einhörner“ im Silicon Valley – einer der seltenen Fälle von enormen Erfolg, an denen oft Thiel beteiligt zu sein scheint.

Der Erfolg von Counsyl bereitete den Weg für Mark Kaganovich mit seinem Start-up SolveBio, das zum „Bloomberg-Terminal“ für DNA-Informationen werden soll. „Counsyl hat im Valley Bewusstsein für Genomik geschaffen“, sagt er. Kaganovichs Bioinformatik-Unternehmen bekam Ende vergangenen Jahres 2 Millionen Dollar Kapital, unter anderem von der bekannten Wagniskapitalfirma Andreessen Horowitz. „Thiel ist hervorragend bei Technologie und Verkauf. Wenn er die Biotech-Branche verändern will, sollten die anderen Akteure auf der Hut sein“, sagt Kaganovich.

Anders als Thiel hat Andreessen Horowitz verkündet, man werde keine im Labor arbeitenden Biotech-Unternehmen finanzieren, weil dieser Bereich der Firma zu unbekannt sei. SolveBio zählt stattdessen zur boomenden Kategorie „digitale Gesundheit“, bestehend hauptsächlich aus medizinischer Software oder Fitness-Elektronik. Laut Rock Health bekam dieser Bereich im vergangenen Jahr insgesamt 4,2 Milliarden Dollar an Wagniskapital.

Auch Thiel hat in digitale Gesundheit investiert, sieht aber ungern, wenn zu viele Unternehmen denselben Ideen nachjagen. „Ich würde sagen, alles, was zu einem Trend passt, ist schlecht, einfach immer schlecht“, sagt er.

Bei der Finanzierung von laborlastigen Biotech-Unternehmen dagegen hat Thiel weniger Gesellschaft. Außerdem hat er ein persönliches Interesse an Strategien gegen das Altern. Er nimmt jeden Tag menschliche Wachstumshormone und hat einen Vertrag mit einem Anbieter für kryonisches Einfrieren nach dem Tod unterschrieben. Solches Verhalten bezeichnet er als „definitiv“ – handeln statt davon auszugehen, dass sich nichts verändern kann. „Die meisten Leute zeigen bei Altern eine Mischung aus Akzeptanz und Verleugnung“, sagt er. „Sie akzeptieren, dass man nichts dagegen tun kann und verleugnen, dass auch sie selbst davon betroffen sind.“

Im Jahr 2011 schuf die Thiel Foundation Breakout Labs, eine interne Organisation, die kleine Unternehmen aus manchmal nur zwei oder drei Personen finanziert. Diese bekommen Investitionen von 350.000 Dollar, um wissenschaftliche Ideen zu überprüfen. Dadurch verringert sich ihr Risiko, was bei den nächsten Finanzierungsrunden helfen kann.

Breakout ist zum wichtigsten Teil von Thiels Stiftung geworden. Bislang hat die Organisation 7 Milliarden Dollar für rund zwei Dutzend forschungsorientierte Unternehmen bereitgestellt, fast alle davon aus dem Biotech-Bereich. Zu ihnen zählen 3Scan, das eine neue Art von Rastermikroskop entwickelt, und EpiBone, ein Spin-off der Columbia University in New York City, das Ersatzknochen in einem Bioreaktor züchtet.

Laut Breakout-Geschäftsführerin Lindy Fishburne setzt Thiel darauf, gute Technologien aus Universitäten und anderen Institutionen zu „befreien“ und auf den Markt zu bringen. Investiert wird nur in Unternehmen, die von ihren Gründern geleitet werden. Darin könnte die größte Abweichung Thiels von den Gepflogenheiten im Rest der Branche liegen: Häufig werden Biotech-Firmen von Wagniskapitalfirmen konzipiert und von professionellen Managern gesteuert; ihre erste Finanzierung geben sie aus, um Patente zu lizenzieren und wichtige Wissenschaftlern in ihre Beiräte zu holen.

Ganz anders bei Immusoft, einer Beteiligung von Thiel, die Blutzellen mit Hilfe von Gentherapie zu Medikamentenfabriken macht, um damit eine seltene Krankheit namens Hurler-Syndrom zu heilen. Der Gründer Matthew Scholz ist ein Software-Unternehmer, der nach eigenem Bekunden besessen von der Idee wurde, dass sich das Immunsystem „programmieren“ lässt. Zuvor hatte er ein Logistik-Unternehmen geleitet. Dass er keine formale Ausbildung in Biologie hatte und Wikipedia benutzen musste, um wissenschaftliche Aufsätze zu verstehen, störte Thiel nicht weiter.

Die Breakout-Finanzierung gab ihm die Möglichkeit, seine Ideen erstmalig bei Mäusen zu demonstrieren, erklärt Scholz. Für dieses Jahr rechnet er mit einer FDA-Genehmigung für Tests an Menschen. „Früher hieß es, ‚Der Typ hat in diesem Bereich nichts zu suchen’, jetzt eher, ‚Oh, Dr. Scholz ruft an’“, sagt er.

Thiels Querdenker-Formel ist keine Erfolgsgarantie. Vor ein paar Jahren steckte sein Founders Fund Geld in Halcyon Molecular, ein Start-up von zwei College-Abbrechern in einem Loft mit Kickertisch. Das Unternehmen wollte eine ultrabillige DNA-Sequenzierungsmaschine bauen, ist aber gescheitert.

Tatsächlich hat noch keines der Unternehmen in Thiels Portfolio jemals ein Medikament oder eine Therapie auf den Markt gebracht. Darin könnte der ultimative Test für Biotechfirmen liegen, doch bis dahin sind Jahre an Forschung und Aufwand für behördliche Genehmigungen erforderlich. „Das ist anders als in der IT-Welt – die Leute dort sind daran gewöhnt, dass alles schneller geht“, sagt Terry McGuire, Leiter des Bereichs Gesundheit bei der Wagniskapitalfirma Polaris Ventures in Boston, die im vergangenen Jahr der wichtigste Finanzier für Biotechunternehmen in den USA war.

Laut McGuire sind die Technologieinvestoren von der Westküste gut darin, mutige, extreme Wetten einzugehen. Keiner von ihnen aber habe ein Monopol auf die Erfindung der Zukunft. „Auch hier bei uns gibt es Mut“, sagt er, „aber er ist mit ein bisschen Realitätssinn gemäßigt.“

(sma)