Auf Immerwiedersehen

Die Modellvielfalt steigt bei jedem Hersteller, ihre technische Basis jedoch wird trotz aller Vielfalt immer ähnlicher. Dadurch können Qualitätsmängel quasi epidemisch werden. Zusätzliche Würze erhält so ein Zuverlässigkeitsproblem vom Kostendruck bei den Zulieferern

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Produktion
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Von
  • Wolfgang Gomoll
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München, 23. März 2015 – Die Zahl der Rückrufe steigt steil: In Deutschland riefen die Autohersteller laut Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach mehr als 1,9 Millionen Fahrzeuge aufgrund sicherheitsrelevanter Mängel zurück. Im Jahr zuvor waren es erst 1,09 Millionen Autos. Das Problem betrifft wegen der starken Globalisierung und wegen weltweit ähnlicher Produktionsmethoden alle Märkte: Die oberste amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde N.H.T.S.A. (National Highway Traffic Safety Administration) ist besorgt, weil im vergangenen Jahr dort 64 Millionen Fahrzeuge in die Werkstatt zurückgerufen werden mussten.

Ein Hauptgrund sind die modernen Produktionstechniken. Um die Kosten zu senken, treiben die Automobilhersteller mit dem Baukasten-Prinzip die Gleichteilstrategie auf die Spitze. Beide Prinzipien sind längst bekannt, doch wurden sie noch nie so konsequent genutzt. So will etwa Volkswagen die Zahl der hergestellten Fahrzeuge pro Plattform verdreifachen und sogar der vergleichsweise kleine Autobauer BMW plant bis 2019 pro Architektur doppelt soviele Modelle wie bisher. Wenn sich bei derart vielen identischen Teilen eine fehlerhafte Charge einschleicht, potenziert sich ein Problem.

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Die Zahl der Rückrufe erreichte im vergangenen Jahr ein Rekordniveau

Eine andere Fehlerhäufung entsteht durch große Mengen zugelieferter Teile, die nicht nur in vielen Modellen eines Herstellers sondern von vielen Produzenten - quasi flächendeckend - eingesetzt wurden, wie beispielsweise die fehlerhaften Airbags des japanischen Zulieferers Takata. Die Zahl der betroffenen Autos errechte Millionenhöhe, die Hautptleidtragenden waren die Kunden von Honda und Fiat-Chrysler. Allein bei Letzterem waren die fehlerhaften Airbags in 3,3 Millionen Autos eingebaut.

Zudem wurden moderne Autos in den letzten Jahren deutlich komplizierter, man denke nur an die Anzahl der Fahrerassistenzsysteme. Bestand die automobile Computertechnik vor zehn bis 15 Jahren aus ESP, ABS und etwas mehr als einer Handvoll Steuergeräten, ist die Zahl der Leitungen, Relais und Rechenchips in letzter Zeit massiv angestiegen. Die von den Autofahrern geschätzte Sicherheit und die Konnektivität wird mit höherem technischem Aufwand erreicht, die, wie jeder von seinem PC oder Smartphone weiß, auch fehleranfällig ist. Zusätzliche Qualitätsschleifen während der Produktion kosten Geld, das der Kunde nicht immer ausgeben will. Zumal das Auto auf der Prioritätenliste einiger Kundengruppen immer weiter nach unten rutscht - jedenfalls, wenn man den Bedenken der Autoindustrie glauben mag.