Don't Panic
Sind diejenigen, die sich für eine digitalen Evolution anstelle der Revolution entscheiden, ignorante Bremser?
- Peter Glaser
Sind diejenigen, die sich für eine digitalen Evolution anstelle der Revolution entscheiden, ignorante Bremser?
Dass ausgerechnet eine Wirtschaftswissenschaftlerin das Geschwindigkeits-Dogma der digitalen Wirtschaft in Frage stellt, ist bemerkenswert. Shoshana Zuboff, Professorin an der Harvard Business School, wies bereits vor einem Jahr darauf hin, welche Rolle Geschwindigkeit bei der Ausübung moderner Macht spielt: "Die NSA entwickelte dieselben Tools und Fähigkeiten, die es Google erlaubten, massenhaft anfallende Daten zu durchsuchen und mit Warp-Geschwindigkeit zu analysieren", hieß es da in einem Aufsatz über die "Google-Gefahr", und: "Google konnte deshalb so rasch zu einer Macht aufsteigen, weil es [einen weißen Fleck] sehr schnell kolonisierte, ohne dabei auf Widerstand zu stoßen. Google fragte nicht um Erlaubnis, suchte keinen Konsens, bat niemanden um seine Meinung und machte nicht einmal deutlich, nach welchen Regeln und Vorschriften man verfuhr."
Es ist die zeitgemäße Version des "Get Big Fast" aus der Zeit des Dotcom-Booms, die wiederum eine aktuelle Version des "Erst schießen, dann fragen" aus der Zeit des Pony-Express war.
Zeit spielt eine entscheidende Rolle bei der Anpassung des Menschen an neue Technologien. Menschliche Lernkurven verlaufen nicht so schnell, wie Marketingmenschen es gern möchten. Wenn man einen der täglich genutzten Softwarekomplexe gerade einigermaßen zu beherrschen gelernt hat, kommt ein Update, eine neue Version und damit der Hersteller auch rechtfertigen kann, dass er Geld dafür nimmt, wird da und dort etwas ab- oder hinzumontiert und ein paar lustige neue Bugs implantiert, damit keine Langeweile aufkommt. Niemand lässt sich gern panisch machen, er würde den Anschluss an die Zukunft verpassen, wenn er sich nicht augenblicklich die neueste Hardware oder Software besorge respektive sich dementsprechenden Medientrends anschließe.
In einem aktuellen Essay über die Vorteile der Nachzügler geht Zuboff auf die "Rhetorik der beschleunigten Innovation" ein, deren Credo unter der Fahne des Ökonomen Joseph Schumpeter zu der von ihm so genannten schöpferischen Zerstörung daherkommt. Bei Schumpeter gibt es allerdings keine rohen Brüche, sondern "Mutationen" einer wirtschaftlichen Entwicklung, mit der auch – anders als bei "Disruptoren" a la Uber – neue Formen der Institutionalisierung sozialer Beziehungen einhergehen. Vor allem sagt Schumpeter, dass jede echte Mutation Zeit und Geduld benötige. Es handle sich um einen Prozess, "in dem jedes Element beträchtlich Zeit braucht, um seine wahren Eigenschaften und seine endgültigen Wirkungen zu enthüllen. Wir müssen seine Leistung über eine längere Zeitspanne hin beurteilen, wie sie sich während Jahrzehnten oder Jahrhunderten entfaltet."
Früher gaben das Prüfen und Testen einer Erfindung genügend Zeit nicht nur zur Überwindung der ihr anhaftenden Fehler, sondern auch, um die Gemeinschaft darauf vorzubereiten – obwohl auch diese Barrieren nicht immer genügend sozialen Schutz boten, wie man an den himmelschreienden Übeln sehen konnte, die das Fabriksystem mit sich brachte. Heute stehen wir der umgekehrten Situation gegenüber: das jeweils neueste digitale Projekt verlangt von der Gesellschaft um jeden Preis sofort übernommen zu werden. Jedes Zögern gilt als sträflich oder als kulturelle Rückständigkeit. Der Konformitätsdruck, den die Vertreter des Digitalismus ausüben, ist hoch.
Sind diejenigen, die sich für eine digitalen Evolution anstelle der Revolution entscheiden, ignorante Bremser? Wir sollten alle einladen in diese neue Welt, die vielen von uns so wichtig ist. Wenn wir wollen, dass alle Menschen etwas vom technologischen Fortschritt haben, brauchen wir eine modernisierte Form der Gastfreundschaft – und Brückentechnologien. Technologien, die nicht nur die Early Adopters und die technologisch Versierten ansprechen, sondern auch den Rest der Menschheit. Wobei dieser Rest nicht wirklich ein Rest ist. Es sind etwa 90 Prozent der Bewohner dieses Planeten. Die meisten Entwickler auf der Welt stecken ihre Energie in Produkte und Dienstleistungen, die exklusiv den wohlhabendsten 10 Prozent der Weltbevölkerung zugute kommen, hält der der Entwicklungshilfe-Experte Paul Polak fest. Wir brauchen aber einen Fortschritt, der auch die übrigen 90 Prozent erreicht. (bsc)