Technik-Pessimismus im Jahr 2015

Ăśberfrachtete Powerpoint-Referate in der Schule sollen ein Beleg dafĂĽr sein, dass es viel besser sei, Karteikarten zu verwenden. Dann merken sich die SchĂĽler auch mehr. Das stimmt so nicht ganz.

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  • Veronika Szentpetery-Kessler

Ăśberfrachtete Powerpoint-Referate in der Schule sollen ein Beleg dafĂĽr sein, dass es viel besser sei, Karteikarten zu verwenden. Dann merken sich die SchĂĽler auch mehr. Das stimmt so nicht ganz.

Neulich beklagte Spiegel-Online-Kolumnist Arne Ulbricht, seines Zeichens Lehrer, wie sehr ihn die wachsende Menge furchtbarer Powerpoint-Referate nerve. Die Schüler würden sie mit Spezialeffekten überfrachten, viel zu viele Informationen auf die Seiten packen – und überhaupt sei „der Inhalt mit Copy&Shake&Paste aus dem Netz zusammengeklaut". Ulbricht wünscht sich deshalb eine Rückkehr zu den Karteikarten.

Denn erstens würde man sich Handgeschriebenes besser merken (auch wenn es nicht selbst formuliert sondern von Wikipedia abgeschrieben und nicht selbst formuliert sei). Zweitens sei man gezwungen, besser zu erklären, wenn man am besten auf jedwede visuelle Unterstützung verzichtet. Als Beleg dafür zitiert er ein Referat, das vermutlich nie vergessen werde: Ein Schüler hatte von den Kriegserlebnissen seines Großvaters berichtet und ergänzend historische Fakten eingewoben. Ich glaube gerne, dass es ein bewegendes und spannendes Referat war.

Nur ist diese Form nicht für jedes Thema geeignet, auch nicht im Fach Geschichte. Schließlich sparen wir uns Karten und historische Bilder in den Geschichtsbüchern auch nicht und verlassen uns allein auf Erklärbegabung der Autoren. Das ist überspitzt formuliert, ja. Aber ich finde einfach, bei der Anti-Technik-Klage stimmen Ursache und Wirkung oft nicht. Es ist nicht die Schuld von Powerpoint, dass Schüler ihre Präsentation überfrachten, zum Whiteboard und nicht zur Klasse sprechen, die Infos aus dem Netz klauen und anschließend keine weiterführende Fragen beantworten können.

Wenn es eine Anleitung gab, wie man Powerpoint sinnvoll nutzt und wie nicht, dann haben sich die Schüler nicht daran gehalten und man muss darüber reden. Wenn es keine gab: Na klar lassen sie sich dann von den Spezialeffekten beeindrucken und denken, dass es ihre Präsentation hervorheben wird. Das ging mir bei meinen ersten Gehversuchen mit Powerpoint auch nicht anders. Nur gibt es bei analogen Präsentationen ähnliche Probleme: Bei handgeschriebenen Overhead-Folien, die sich auch leicht überfrachten lassen, kann man genauso zur Wand statt zum Publikum sprechen und bei Karteikarten nie die Nase aus selbigen heben. Und wenn man dann auch noch viel zu schnell abliest, nützt die ganze schöne Karteikarten-These nicht mehr so viel.

Es geht mir nicht darum, die Handschrift schlecht zu machen. Ich glaube zwar nicht, dass man sich Getipptes grundsätzlich weniger merkt als Handgeschriebenes, zumindest habe ich keine Studie gefunden, die das belegt. Wer aber sein Referat lieber mit der Hand zu Papier bringt, weil er dann etwa besser denken und strukturieren kann – gerne. Nur tun wir bitte nicht so, als sei das Mittel an sich schon die Lösung. Referate (und später vielleicht Vorträge) halten muss man schlicht beigebracht bekommen – und vor allem üben – in digitaler wie analoger Darreichungsform.

Es gibt sicher Schulen, die das längst unterrichten und die wichtigsten Punkte dazu auf ein DIN-A4-Blatt destillieren. In meinem Biologiestudium gab es dafür ein eigenes Seminar. Da ging es dann um die ganze Bandbreite: von der richtigen Infodichte – auf Overhead-Folien und Powerpoint-Slides –, über Finger-Weg-von-den-Bewegungs-und-Glitzer-Effekten bis hin zur Redegeschwindigkeit und -lautstärke. Und eben: Das Referat vorher zu Hause üben. Dann nämlich lernt man auch, in der vorgegebenen Zeit zu bleiben und frei zu sprechen. Der Text, meinetwegen auch in Karteikartenform, ist dann das, was es sein soll: eine Gedächtnisstütze. Über die Technik zu schimpfen ist einfach. Besser wäre es, Schüler früh ihre Vor- und ja, auch Nachteile beizubringen. Das muss nicht zwingend im Geschichtsunterricht passieren, aber irgendwo in der Schule muss man damit anfangen. Wir schreiben schließlich das Jahr 2015. (vsz)