Post aus Japan: Nippons Mangel an Fantasie

Energiepolitisch rast Japan mit atomarem Karacho in eine Sackgasse. Denn fĂĽr die Diskussion von Alternativen fehlt der Regierung der Sinn und den Medien der Mut.

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Von
  • Martin Kölling

Energiepolitisch rast Japan mit atomarem Karacho in eine Sackgasse. Denn fĂĽr die Diskussion von Alternativen fehlt der Regierung der Sinn und den Medien der Mut.

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.?

Das japanische Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti) hat dem Land ein hübsches energiepolitisches Osterei in den Korb gelegt: die Definition von "Grundlast" in der Stromproduktion, Energieträger inklusive. Dies ist Teil einer vermeintlich wegweisenden neuen Energiestrategie, die die Regierung vier Jahre nach der Atomkatastrophe in Fukushima diesen Sommer nun endlich vorlegen will. Doch ein genauerer Blick auf die ersten Schritte enthüllt aufs Neue einen atemberaubenden Mangel an energiepolitischer Fantasie und politischem Gestaltungswillen der Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe.

Um es amtlich korrekt auszudrücken: Der Unterausschuss für langfristige Energieangebots- und Nachfrageprognose des Komitees für strategische Politik des Beratungskomitees für natürliche Ressourcen und Energie definierte am 30. März Energiequellen für die Grundlast als eine "Energiequellen, die niedrige Betriebskosten haben, stabil Strom erzeugen und kontinuierlich Nacht und Tag betrieben werden können". Diese Energiequellen sollen künftig in Japan rund 60 Prozent der Stromversorgung sicherstellen. Und die Gewinner sind: Geothermie, Wasserkraft, Kohle und – oh Wunder – die gute, alte Atomkraft, die der Darling der Stromkonzerne und des Regierungschefs ist.

Der Löwenanteil entfällt dabei nicht etwa auf erneuerbare Energieträger. Schon in einem früheren Treffen hat der Ausschuss schon festgelegt, dass der wünschenswerte Anteil von Erdwärme und Wasserkraft bei nur 10,5 Prozent läge. Das ist kaum mehr als heute schon. Ergo: die restlichen 50 Prozentpunkte für die Grundlast sollen sich Kohle und Atom teilen, Klimawandel und Atomkatastrophe zum Trotz.

Dass dabei das Herz der Planer wieder für die Atomlobby schlägt, machten die Experten ebenfalls umgehend klar. Nonchalant recycelte der Ausschuss eines der alten Argumente für die Kernkraft aus der Zeit vor der dreifachen Kernschmelze. Danach zählt die Regierung die Atomkraft mit Sonne, Wind und Wasser zu den "Null-Emissions-Energieträgern". Und schwuppdiwupp sind Atommüll und atomarer Fallout wieder wie in den Hochzeiten der Atomlobby intellektuell entsorgt worden.

Abe lässt grüßen: Der Regierungschef hat seit dem Beginn seiner Regentschaft im Dezember 2012 keinen Hehl daraus gemacht, dass er so viele Atomreaktoren wie möglich wieder einschalten wolle. Und er ließ Worten Taten folgen. In wichtigen Gremien wurde die Zahl der Atomkraftkritiker reduziert. Und Journalisten klagen wieder über verstärkten Druck der Atomlobby auf die Berichterstattung. Dementsprechend wenig werden öffentlich mögliche Alternativen oder gar die Chance diskutiert, Japan zum Pionier eines hochmodernen, klimafreundlichen Stromnetzes zu machen.

Es gibt zwar hier und da Projekte für Wind- und Solarparks, Smart Grids und dezentrale, lokale Stromnetze. Aber die Stromkonzerne beginnen bereits, den Kauf von Strom aus erneuerbaren Energiequellen einzuschränken, zu dem ein Energieeinspeisegesetz sie eigentlich verdonnern sollte. Und von einer radikalen Modernisierung des fragmentierten Stromnetzes spricht erst recht niemand mehr. Stattdessen gerät Energiestrategie zum reinen und politisch desinfizierten Rechenexempel und damit zu einer Fortschreibung des Status Quo aus der Zeit vor Fukushima.

Zwar kann ich aus der Sicht der Planer den Reiz der Atomkraft nachvollziehen. Bei einem Plutoniumberg von 47 Tonnen wirkt sie tatsächlich wie von den Planern definiert als eine "semi-lokale" Energiequelle. Sie im Mix zu haben, erhöht rechnerisch die extrem niedrige Energiesicherheit des Landes. Japan ist derzeit zu 94 Prozent von Energieimporten abhängig. Vor der Atomkatastrophe, als Akws rund 30 Prozent des Strom produzierten, waren es 20 Prozent. Aber Abe droht damit Japans Energiepolitik in eine Sackgasse zu führen.

Selbst wenn wir mal Ausklammern, dass man Atomkraft nur als operativ preiswert ansehen kann, wenn man die ungelöste Entsorgung und die finanziellen Folgen des Atomunfalls nicht mitrechnet, bleibt ein Problem: Die Rechenexempel sind realitätsfern – wenn man nur mal den Faktor "politische Machbarkeit" mit in die Gleichung schreibt. Sollte Japan nicht über Jahrzehnte massiv fossile Brennstoffe verbrennen wollen, müssten AKWs wieder ähnlich so viel Strom wie vor der Katastrophe produzieren. Doch das erscheint derzeit politisch kaum als machbar.

Der Grund: Nur knapp über 20 der ehemals kommerziellen 54 Meiler haben eine Chance, in einem überdies zähen politischen Prozess je wieder ans Netz zu gehen. Und von denen sind dann auch noch einige sehr betagt und damit in ihrer Restlaufzeit beschränkt. Das würde bedeuten, dass Japan in Windeseile gegen zwar wenig sichtbaren, aber lokal spürbaren Widerstand der Bevölkerung mehr als 30 neue Reaktoren bauen müsste – oder halt tendenziell Jahrzehnte auf Kohle setzen würde. Ist das zukunftsträchtig? Oder gar visionär? ()