Ungeliebte Utopie
Wohnungssuchende besetzen teilweise unfertige Hochhäuser. Nun wollen Schweizer Architekten die Bauruinen in vertikale Siedlungen umbauen – mit eigener Energieerzeugung. Nicht alle finden das gut.
- Susanne Donner
Wohnungssuchende besetzen teilweise unfertige Hochhäuser. Nun wollen Schweizer Architekten die Bauruinen in vertikale Siedlungen umbauen – mit eigener Energieerzeugung. Nicht alle finden das gut.
Es soll heftig geregnet haben am 17. September 2007, als sich mehrere Dutzend Familien in die Eingangshalle eines Hochhaus-Rohbaus in der venezolanischen Hauptstadt Caracas drängten. Zerborstene Fenster, halb fertige Treppen – aber immerhin ist es trocken, und eine rudimentäre Wasser- und Stromversorgung gibt es auch. Die Menschen beschließen, sich in dem 45-stöckigen Hochhaus einzurichten. Per SMS benachrichtigen sie Freunde und Verwandte von der neuen Bleibe. Schon bald wächst die Gemeinschaft auf 3000 Personen an.
Einst sollte aus dem Gebäude für umgerechnet 45 Millionen US-Dollar der Torre David werden, eines der höchsten und prestigeträchtigsten Bankenzentren des Landes. Doch 1993 starb der Namensgeber und Investor David Brillembourg überraschend. Das gigantische Vorhaben fiel der Wirtschaftskrise zum Opfer. Wie Abertausende Immobilien in Südeuropa, Asien und Südamerika wurde das Gebäude nie fertiggestellt. Als 190 Meter hohes Betongerippe überragt es seither die Stadt. Und wie in allen rasant wachsenden Megacitys ist auch in Caracas Wohnraum knapp. Die Slums vor den Toren der Stadt ufern immer weiter aus. Sie sind mittlerweile so weit von möglichen Arbeitsplätzen in der City entfernt, dass die Ghettobewohner nun ungenutzte Hochhausbauten im Zentrum besetzen.
"Überall auf der Welt, in Mumbai, in Johannesburg und in Hongkong, entstehen vertikale informelle Siedlungen in Bauruinen oder verwaisten Hochhausbauten", beobachtet Alfredo Brillembourg. Der Cousin des verstorbenen Investors ist zugleich Professor für Städtebau und Architektur an der ETH Zürich. Das Gebäude ist zwar nicht in seinen Besitz übergegangen. Dennoch hat er es sich zur Aufgabe gemacht, das Vorhaben zu einem Ende zu führen – wenn auch ganz anders, als von seinem Verwandten geplant.
"Der Torre David ist ein Symbol für eine neue Form des Städtewachstums", findet er. Eine Studie von Zürcher Soziologen gibt ihm recht. Die Forscher hatten das Zusammenleben in der vertikalen Dorfgemeinschaft analysiert und trafen auf eine wohlorganisierte Gemeinschaft: Es gäbe Läden, Gebetsräume, Kindergärten, Friseure, Arztpraxen und sogar kleine Restaurants. In der Eingangshalle ist ein Basketballplatz entstanden. Die meisten Bewohner gingen regelmäßiger Arbeit nach.
Probleme randstädtischer Slums seien hier aufgrund der Lage und der Notwendigkeit zur Kooperation weit geringer ausgeprägt. Deshalb lobt der berühmte britische Architekt David Chipperfield das Projekt als "Sieg für die Menschheit". Die soziale Kraft des Torre David hatte sogar die Jury der Architekturbiennale in Venedig überzeugt. 2012 gewann der Turm als bestes Architekturprojekt einen Goldenen Löwen – auf einem Event, das sich eher für die extravagante Moderne zuständig sieht.
Auf dieser sozialen Kraft gründet Brillembourg seine Vision: Die Megacitys sollten herrenlose Bauruinen, verwaiste Hochhäuser, ja sogar Parkhäuser künftig als Wohnraum, als Grundstück in der Höhe, zur Verfügung stellen. Städte sollten sie mit einer rudimentären Wasser- und Strominfrastruktur ausstatten. Nur so ließen sich die Verslumung und die damit verbundenen sozialen Probleme eindämmen. Die Städte der Zukunft werden nicht mehr in die Breite, sondern in die Höhe wachsen.
Es werde Fußgängerbrücken, Straßen und Geschäfte in der ersten, zweiten, dritten Etage einer Stadt geben, wie dies in Hongkong bereits zu sehen sei. "Paris könnte Millionen weiteren Menschen Platz bieten, wenn man die französische Metropole um nur ein Geschoss erweitert", sagt er. Die Vertikalisierung der Großstädte mit durchschnittlich zehn bis fünfzehn Etagen sei die Lösung der Wohnungsnot, nicht trostlose Plattenbauten in den Vorstädten.
Was möglich ist, deutet in Brillembourgs Augen auch die Entwicklung des berüchtigten Ponte-Towers im südafrikanischen Johannesburg an. Ursprünglich sollte er Luxuswohnungen für die reiche Oberschicht beherbergen. Doch nach dem Ende der Apartheid versank das Viertel in der Kriminalität, und der Turm bekam den Ruf des gefährlichsten Hochhauses der Welt. Drogenbosse regierten, Prostituierte boten ihre Dienste an. Doch im Gefolge der Fußballweltmeisterschaft 2010 wurde der Turm Stockwerk um Stockwerk saniert. Acht neue Fahrstühle wurden eingebaut. Sicherheitspersonal bewacht das Gebäude seither rund um die Uhr, und nur mit dem richtigen Fingerabdruck öffnen sich die Eingangstüren. Seit wenigen Jahren gilt der Turm nun als weitgehend sicher und ist eine zunehmend beliebte, weil bezahlbare Adresse für Studenten.