E-Commerce zwischen Phantasie und schnöder Realität
Wenn es auf den Medientagen in München um das Zusammenwachsen der klassischen Medien mit dem Internet geht, darf natürlich auch das Thema E-Commerce nicht fehlen.
Wenn es auf den Medientagen, die in München parallel zur Systems stattfinden, um das Zusammenwachsen der klassischen Medien mit dem Internet geht, darf natürlich auch das Thema E-Commerce nicht fehlen. Allerdings: Sowohl die Finanzmärkte als auch die Medien hätten in letzter Zeit zu irrationalen Übertreibungen geneigt, räumte beispielsweise der Wirtschaftsjournalist Wolfgang Büscher ein. Er betonte, es sei eine wichtige Aufgabe aller Beteiligten, allzu hochgesteckte Erwartungen behutsam zu korrigieren.
Ist E-Commerce also ein Spiel von 100 Helden oder ein Milliardengrab? "Page-Impressions sind erst einmal Kosten", meinte jedenfalls Büscher. E-Commerce sei zwar mehr als ein "Nice-to-have-Angebot", gleichzeitig enttäusche das Internet-Geschäft aber die Erwartungen der Beteiligten.
"In der Geschichte der Kommunikationsmedien wurden schon häufig kurzfristig Entwicklungen überschätzt. Solche Fehleinschätzungen ändern jedoch nichts daran, dass die Vertriebsform E-Commerce sich auf jeden Fall duchsetzen wird", hielt Norbert Dörr, Direktor des McKinsey-Beratungszentrums in München, dagegen. Offensichtlich sieht aber auch Dörr das Problem, dass kaum ein E-Commerce-Anbieter gute Geschäfte macht. So schlug er denn auch neue Finanzierungsmodelle vor: Entsprechende Angebote könnten sich etwa über gemeinsame Vermarktungen finanzieren; denkbar sei auch, dass E-Commerce-Angebote ähnlich wie Content-Angebote durch Werbung finanziert würden, so einer der eher überraschenden Vorschläge von Dörr.
Philipp Monteglas, Geschäftsführer von Lastminute.com, malte die aktuelle Situation seiner eigenen Branche in eher düsteren Farben: Derzeit könne der stationäre Anbieter im Laden um die Ecke dem Kunden noch mehr anbieten als der E-Commerce. Mit der Verbesserung der Übertragungsraten werde es jedoch einen E-Commerce-Mehrwert geben. Wie der E-Commerce-Vorreiter Amazon setzt auch Lastminute.com auf ein Komplettangebot. "Das Angebotsportfolio muss breit sein, denn eine Urlaubsreise machen die meisten Menschen ja nur ein bis zwei Mal im Jahr", beschrieb Monteglas seine Plänen für erfolgreichen E-Commerce.
Anders als für die Betreiber von E-Commerce-Plattformen standen für den Innovationsforscher Joachim Henkel von der Universität München die Grenzen des E-Commerce im Vordergrund. Drei große Handicaps stünden dem weltweiten Handel im Wege, führte er aus. "Es gelten in den Ländern unterschiedliche Werte, die bei der Vermarktung berücksichtigt werden müssen¨, betonte Henkel. Noch immer behinderten zudem unterschiedliche Zollreglungen den E-Commerce. Last but not least sei auch die Sprache eine Handelsgrenze.
"Auch der harte Wettbewerb im Internet ist ein Mythos", sagte der Münchner Wissenschaftler und präsentierte eine Aufstellung, nach der für eine Musik-CD im Internet von verschiedenen Anbietern unterschiedliche Preise verlangt wurden. Entgegen der verbreiteten Ansicht, die Kunden könnten in Nullkommanichts von einem Anbieter im Internet zum nächsten wechseln, sieht er für die Anbieter gute Chancen, Online-Shopper dauerhafter als bislang vermutet an sich zu binden: "Wie in der realen Welt ist der Wettbewerber auch im Internet mehr als einen Mausklick entfernt", resümierte Henkel. So bleibt aber wohl auch nach der E-Commerce-Diskussion auf den Münchener Medien-Tagen die Zukunft des E-Commerce hinter den Nebelwänden der PR und den Schwierigkeiten von Ökonomen und Wissenschaflern, die Aussichten einzuschätzen, bis auf weiteres verborgen. (Maria Benning)/ (cp)