Musikmesse Frankfurt: Kontrolle ist besser
Kabelstecken ist wieder in: Auf der Musikmesse in Frankfurt feiern modulare Synthesizer ein Comeback. Offenbar bieten sie eine Verbindung von Akustik und Haptik, fĂĽr die Hersteller von Software und MIDI-Controllern noch immer adequate Standards suchen.
Wer durch die Halle 5.1 auf der derzeit in Frankfurt am Main laufenden Musikmesse streift, fühlt sich zurückversetzt in die 70er Jahre. Überall beugen sich Alt und Jung über Holzkisten, stecken bunte Kabel in Buchsenfelder und lauschen gebannt zirpenden Maschinenklängen und knarzenden Bässen. Vor zehn Jahren noch entsorgten viele Klangschrauber ihre klobigen Schränke und freuten sich, nun alles per Maus auf einem kleinen Laptop bedienen zu können. Doch das Geklicke hat oftmals den Charme vom Ausfüllen einer Tabellenkalkulation. Auf der Strecke blieb der direkte Handkontakt mit dem Instrument.
Also kommt jetzt alles wieder: Hersteller Korg legt nach rund 40 Jahren den Arp Odyssey wieder auf. Alle Schiebeschalter funktionieren wie damals und können nur direkt am Gerät geändert werden, das neumodische MIDI-Interface nimmt lediglich Notenwerte entgegen – selbstverständlich nicht anschlagdynamisch, denn das wäre ja nicht authentisch. Trotzdem ist das Interesse groß. Korg verlangt rund 1000 Euro für das leicht geschrumpfte Stück Musikgeschichte. Immerhin ist ein Köfferchen mit dabei.
Synthesizer auf der Musikmesse Frankfurt 2015 (11 Bilder)

Nebenan bei Roland setzt man auf moderne Digitaltechnik, um den Sound analoger Schaltungen zu emulieren. Im vergangenen Jahr legten die Japaner in der Aira-Serie bereits die ikonographischen Drum-Computer TR-808 und -909 neu auf. Jetzt wird die Serie um modulare Bausteine erweitert: Der Rackversion des System-1 fehlt zwar die Tastatur, dafür kann man beim System-1m an mehreren Stellen der Signalkette den Sound abgreifen oder extern einspielen. Filter und Hüllkurven lassen sich nicht nur per Knöpfchen sondern auch mit Steuerspannungen (CV) kontrollieren. Für diese größere Flexibilität muss man etwas tiefer in die Tasche greifen: der System-1m ist mit 665 Euro etwas teuer als der System-1. Er kann dieselben Software-Plug-ins (von Roland Plug-Out-Synthesizer genannt) laden. Am Gerät hat man Zugriff auf 64 Speicherplätze, die der System-1 demnächst auch per Firmware-Update bekommen soll.
Passend dazu bietet Roland ab Juli vier Effektmodule zum Stückpreis von 330 Euro an, die sich ebenfalls in ein Eurorack schrauben lassen: Einen Bitcrusher namens Bitrazer, einen Verzerrer namens Torcido, ein Delay namens Demora sowie ein Scatter-Effekt namens Scooper. Der Sound wird auch hier digital verfremdet. Die interne Verschaltung lässt sich mit einer Editor-Software am Rechner oder Smartphone virtuell verändern.
Anschluss zu anderen analogen Klangerzeugern stellt Roland per CV her. Was anachronistisch anmuten mag, hat gegenüber MIDI entscheidende Vorteile: Signale erlauben stufenlose Übergänge und können quasi ohne Verzögerung übertragen werden. Jede auch noch so kleine Drehung am Knopf macht sich sofort klanglich bemerkbar.
Ein Controller fĂĽr alles
Diesen direkten Draht zur Musik haben MIDI-Controller, die die Bedienung der Musik-Software am Rechner vereinfachen sollen, bislang nie so richtig herstellen können. Das liegt zum einen an der mageren, oftmals nur 7 Bit zählenden Auflösung der Fader, die zu grob ist für feinfühlige Veränderungen. Zudem fehlen herstellerübergreifende Standards. Allzu oft muss man einen neuen Controller erst mühsam für seine Software und Plug-ins konfigurieren, bevor jeder Regler genau das tut, was er soll. Keyboard-Hersteller Nektar bewirbt seine Keyboards etwa damit, dass sie bereits für viele Plug-ins vorkonfiguriert würden. Jedes einzelne muss von einem Mitarbeiter angepasst werden – eine sehr zeitaufwändige und fehleranfällige Arbeit. Und wenn Hersteller wie Ableton fremden Controller-Anbietern wie Nektar keinen Zugriff auf ihr SDK gewähren, dann fällt die Unterstützung eben aus.
Einen neuen Anlauf, die Bedienung von Software-Instrumenten ebenso einfach und unkompliziert zu gestalten wie bei einem Hardware-Synthesizer, nimmt deshalb Native Instruments. Vor kurzem hat der Berliner Anbieter, bekannt durch die Software-Instrumenten- und Effektsammlung Komplete, eine neue Keyboard-Serie auf den Markt gebracht, mit dem sich bislang aber nur die Plug-ins von Native besonders leicht bedienen lassen. Jetzt will der Hersteller sein Integrations-Konzept von Komplete Kontroll auch für andere Hersteller öffnen. Sowohl Maschine als auch die Komplete-Kontroll-Keyboards sollen ab Mai via MIDI mit anderen Programmen und auch Geräten kommunizieren. Spezialfunktionen wie der Arpeggiator und Skalen sollen sich in der DAW aufzeichnen lassen. Unter der Software-Haube von Maschine und Komplete Kontroll lassen sich künftig dann nicht nur NI-Plugins aufrufen, sondern auch VST-Plug-ins anderer Anbieter. Man wird abwarten müssen, wieviele Hersteller den neuen Native Kontrol Standard (NKS) unterstützen. Zu sehen war bei der Präsentation ein Synthesizer-Plug-in aus der Arturia-Sammlung, das sei aber nicht als offizielle Ankündigung zu verstehen, erklärte ein Mitarbeiter.
Von der Hard- zur Software
So wie Software-Hersteller auf speziell angepasste Hardware-Controller setzen, die die Bedienung vereinfachen sollen, programmieren Hardware-Hersteller an Software-Plug-ins. Der schwedische Hersteller Elektron zeigte eine Beta-Version seines Plug-ins Overbridge. Mit ihm sollen Besitzer des Analog Keys, Analog Four und Analog Rytm ab Sommer die Klänge bequem am Rechner-Bildschirm verändern. Dort hat man einen wesentlich besseren Überblick als auf den kleinen Monochrom-Displays der Geräte. Per USB reichen diese ihren Analog-Sound gleich an den Rechner weiter. Der ältere Hardware-Sampler Octatrack profitiert leider nicht in diesem Komfort.
An einer ähnlichen Plug-in-Integration arbeitet auch Moog für den den im Herbst erschienenen Sub 37. Moog-Entwickler Amos Gaynes erklärte uns, dass man bei dem Traditionsunternehmen inzwischen erkannt habe, wie wichtig eine Software-Integration sei und dazu eigene Entwickler beschäftige. Doch es könne noch bis zum Ende des Jahres dauern, bis die Software reif zur Veröffentlichung sei.
Das neue Interesse an den Moog-Klassikern mag auch mit der Veröffentlichung zweier iOS-Apps zusammenhängen. Gaynes sieht in der wachsenden Verbreitung der Synthesizer-Apps keine Kanibalisierung bei den Hardware-Verkäufen. Im Gegenteil muss man zum Teil Monate warten, bis Moog den Bestellungen nachkommen kann. Offenbar wird mit den Synthie-Apps eine neue Klientel angefüttert, die dann irgendwann einmal ein Original besitzen möchte, auch wenn dieses horrende Preise kostet.
Etwas schneller als Moog wird Waldorf wohl mit der iPad-Version seines Drum-Synthesizers Attack fertig. Auf der Musikmesse kann man bereits eine Beta-Version ausprobieren. Auf Windows- und OS-X-Rechnern ist Attack seit vielen Jahren bekannt für seine druckvollen Drum-Sounds, die sich dank der exponentiellen, äußerst schnellen Hüllkurven sehr genau justieren und überlagern lassen. Auf dem Ipad kommen ein Sequencer und ein Phrasen-Vocoder hinzu, der Textzeilen in elektronischen Sprechgesang umwandelt. So lassen sich auf dem Touchscreen komplette Stücke mit 24 Instrumenten zusammenstellen – wenn man mal unterwegs ist und sich nicht vor einen großen Holzschrank setzen kann.
(hag)