Eine lange Geschichte des Schmerzes
600 Seiten über Schmerz – kann das gut gehen?
- Jens Lubbadeh
600 Seiten über Schmerz – kann das gut gehen?
Kaum etwas fürchten wir so sehr wie Schmerzen. Dass aber ein schmerzfreies Leben die wahre Hölle ist, macht Harro Albrecht gleich zu Beginn seines Opus Magnum "Schmerz. Eine Befreiungsgeschichte" klar: Einige Kinder der israelischen Stadt Be'er Scheva können wegen eines Gendefekts keine Schmerzen fühlen. Ihr Leben ist trist und gefährlich, viele von ihnen sterben früh.
Schmerz ist ein lebensnotwendiges Warnsignal. Für Tätowierer oder Extremsportler ist kontrollierter Schmerz lustvoll. Schmerz ohne Kontrolle hingegen ist eine schreckliche Erfahrung, wie chronische Schmerzpatienten leidvoll berichten können.
Harro Albrecht schlägt in seinem Buch den großen geschichtlichen Bogen und erzählt, wie sich der Mensch nach langer Zeit seit der Aufklärung sukzessive vom Schmerz befreite. Volle Kontrolle jedoch blieb, trotz großer Erfolge der Medizin, ein Luftschloss. Im 20. Jahrhundert war klar: Beim Schmerz spielt neben dem Körper auch die Psyche eine Rolle.
Und um die Eingangsfragen zu beantworten: 600 Seiten über Schmerz – kann das gut gehen? Es kann. Albrecht schreibt lebendig und spannend und bringt viele plastische Beispiele und Anekdoten.
Das macht die Beschäftigung mit dem unangenehmen Gefühl angenehm.
Harro Albrecht: "Schmerz: Eine Befreiungsgeschichte". Pattloch, 608 Seiten, 24,99 Euro (bsc)