Das Gewohnheits-Tier

Apps wie „HabitBull“ sollen beim Antrainieren guter Gewohnheiten helfen. Manche Experten sehen darin Bevormundung. Aber das stimmt nicht.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Apps wie „HabitBull“ sollen beim Antrainieren guter Gewohnheiten helfen. Manche Experten sehen darin Bevormundung. Aber das stimmt nicht.

Kennen Sie den Ausdruck „nudging technology“, auf Deutsch etwa Anstups-Technik? Damit sind zum Beispiel Apps gemeint, die uns an gute Vorsätze wie „zwei Liter pro Tag Trinken“ erinnern. Nicht alle finden solche Hilfsmittel gut. Natasha Dow Schüll, Kultur-Anthropologin am Massachusetts Institute of Technology, sieht darin eine Bevormundung der Nutzer, die bis dato fröhlich Self Quantifying betrieben und ihr Verhalten anhand der Daten geändert haben. Inzwischen gäbe es da eine „extreme Vereinfachung, in der Annahme, die Leute wollen keine Daten mehr, sondern nur noch Geräte, die ihnen einfach helfen“, sagte sie der New York Times. Die Apps fungierten quasi als Nanny.

Ich frage mich, was daran schlecht sein soll. Beim Quantified Self habe ich schon beim Schrittzählen versagt. Mein Smartphone zeigt mir zwar an, wie viele Schritte ich jeden Tag zurücklege, aber ich habe nur ein paar Wochen darauf geachtet und höchstens eine Handvoll Extrarunden gedreht. Recht bald motivierten mich die Zahlen nicht mal mehr dazu, die nächste Hundertermarke zu erreichen. Sie hat eben keinen Durchhaltewillen, werden jetzt viele sagen. Das kann man so sehen. Aber zum einen gibt es Untersuchungen, wonach auch viele Nutzer nach vier bis sechs Monaten die Begeisterung für ihre Schrittzähler und andere Fitness-Gadgets verlieren. Zum anderen denke ich: jedem das seine, vielleicht hatte ich einfach noch nicht das passende Motivationswerkzeug.

Wie es ausschaut, habe ich das nun vor drei Wochen gefunden: Eine Nudging-App mit dem zugegebenermaßen zweifelhaften Namen „HabitBull“ (nur für Android bisher). Sie erinnert mich an gute Vorsätze, etwa eine zeitlang ohne Kaffee auszukommen. Ziel ist eine zusammenhängende Kette von Tagen im Kalender zu bilden, die nicht abreißt. Schafft man 66 Tage, so die zitierte Lehrmeinung, habe man eine neue Gewohnheit gebildet.

Ich hätte nicht gedacht, dass es funktioniert, jeden Tag einfach nur Erfolg (grüner Kringel) oder Misserfolg (roter Kringel) im Kalender anzuklicken. Aber inzwischen bin ich bei Tag 21 ohne Kaffee und ich vermisse ihn nicht mehr. Womöglich ist genau das der Trick: Anstatt auf eine unüberwindbar erscheinende Wand von 66 Tagen zu schauen, macht man einfach einen Schritt nach dem anderen. Morgen genauso, übermorgen auch – und so weiter. Man muss die Sprüche von HabitBull nicht mögen („Hola, Mini Me – heute kein Kaffee“. Aber die Erinnerung hilft. Deshalb sehe ich die App auch nicht als Nanny sondern eher als wenig aufdringlichen Trainer. Er hält sich an die einprogrammierte Zeit und fertig.

Allerdings musste ich dabei die Regel beachten, die Charles Duhigg im TR-Interview und in seinem exzellenten Buch „Die Macht der Gewohnheiten“ beschreibt (siehe TR 2/2013, S. 95): Gewohnheiten folgen dem Journalisten der New York Times zufolge dem einfachen Regelkreis Auslösereiz (Müdigkeit beim Aufwachen) – Routine (Kaffeetrinken) – Belohnung (Kick durch Koffein und Kaffeegeschmack). Eingefahrene Gewohnheiten kann man sich nur selten ganz abtrainieren, weil die Auslöser recht stark sind, man kann sie (und sich) meistens nur umprogrammieren – indem man den Routine-Part ändert. Also trinke ich jetzt als morgendliches Ritual koffeinfreien Kaffee. Der liefert mir den vertrauten Geschmack, was zusammen mit dem Abhaken in der App offenbar als Belohnung genügt. Klar waren die ersten paar Tage nicht so einfach. Aber den Versuch war es wert. (vsz)