Geschworene aus der Crowd

Ein Web-Tool bringt in den USA Juristen und Mitglieder von Testjurys zusammen. Das nutzen Anwälte, um ihre Argumente zu überprüfen. Die Online-Befragung soll Kosten von Probeprozessen mit anwesenden Versuchsgeschworenen ersparen.

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Von
  • Nanette Byrnes

Ein Web-Tool bringt in den USA Juristen und Mitglieder von Testjurys zusammen. Das nutzen Anwälte, um ihre Argumente zu überprüfen. Die Online-Befragung soll Kosten von Probeprozessen mit anwesenden Versuchsgeschworenen ersparen.

Wie werden die Geschworenen auf ein Argument der Verteidigung reagieren? Wie sollte ein Anwalt seine Indizien am besten präsentieren? Um das schon vor einem Prozess herauszufinden, leisten sich US-Kanzleien oft Testjurys aus bezahlten Versuchspersonen.

Schneller und preiswerter geht es aber online. Die Beratungsfirma DecisionQuest hat ein eigenes Web-Tool mit 3,5 Millionen Pseudo-Geschworenen aufgebaut, um die Wirkung verschiedener Argumente zu überprüfen. Nun spannen Juristen auch die Crowd ein. Sie nutzen dazu Amazons Mechanical Turk – eine Plattform, in der Menschen für kleine Beträge Aufgaben erledigen, mit denen Computer noch überfordert sind.

In ein bis zwei Tagen können Online-Jurys genauso viele Antworten liefern wie traditionelle Testjurys in ein oder zwei Monaten – und das zu viel niedrigeren Kosten. Eine 20-minütige Befragung ist bei Amazon für rund fünf Dollar pro Person zu haben. Komplette Studien mit Online-Geschworenen kosten etwa 5.000 bis 20.000 Dollar. Bei Menschen aus Fleisch und Blut werden 50.000 bis 150.000 Dollar fällig.

Mit Amazons Mechanical Turk fand Jessica Salerno, Assistenz-Professorin an der Arizona State University, beispielsweise heraus, dass Juroren eher auf schuldig plädieren, wenn ihnen Tatortfotos in Farbe präsentiert werden. Der Anwalt Michael Cypers nutzte kürzlich Online-Geschworene, um zu entscheiden, ob sein Klient einen Vergleich annehmen sollte. Es sei hilfreich gewesen zu wissen, dass die Online-Jury die Vorwürfe gegenüber dem Angeklagten anzweifelte, sagt Cypers. Und die Firma The Focal Point, die sich auf die visuelle Präsentation von Fällen spezialisiert hat, nutzt Online-Jurys, um zu testen, ob sich etwa schlichte Diagramme oder auf-wendige 3D-Animationen als wirksamer erweisen.

Probeprozesse mit anwesenden Versuchsgeschworenen würden dadurch aber nicht überflüssig, glaubt Cypers. Nur diese böten die Möglichkeit, "in ihre Augen zu schauen und ihre Reaktionen zu sehen". (bsc)