Der Futurist: Die Wunderbox
Was wäre, wenn wir beamen könnten?
- Veronika Szentpetery-Kessler
Was wäre, wenn wir beamen könnten?
Meine erste Beambox baute ich mit elf. Eigentlich wollte ich nur das alte Gerät meiner Mutter ersetzen, mit dem sie ihre Einkäufe liefern ließ und Pakete an die Verwandtschaft schickte. Denn es hatte inzwischen arg viele Aussetzer. Die Kiste beamte zwar noch, aber wo die Sachen landeten, wussten wir nicht genau. Im Gegenzug endeten bei uns Dinge, die meine Mutter nie bestellt hatte.
So etwas kann ins Auge gehen, man muss nur an die Geschichte von "Oma Rosmarie" Jandl aus Bayern denken, der vor einigen Jahren die Beam-Störerhaftung zum Verhängnis wurde. Ihre Putzfrau hatte eine große Lieferung illegaler Beta-Blocker aus Indien gemeldet. Der Richter nahm Oma Jandl nicht ab, dass ihre Beambox gehackt wurde und verurteilte sie zu einer saftigen Geldstrafe.
Also machte ich mich an den Ersatz. Ich bestellte beim Versandhändler Quantum Shack Verschränkungs-Stabilisatoren, Gleichrichter fürs Quanten-Dämpfungsfeld und was man noch so braucht. Ich erzählte Mama nichts, das wäre nicht gut für ihr Herz gewesen. Ich setzte einfach meine Hardware ins alte Gehäuse. Meine DIY-Box funktionierte und sollte sich als Knüller erweisen.
Denn bisher gab es die Geräte nur vom chinesischen Online-Handelsriesen Alibaba. Er hatte damit Amazons Drohnen-Transporte im Keim erstickt. Vergeblich versuchte der Westen, den Vorstoß durch Beamzölle zu bremsen. Alibaba stattete einfach willige Länder mit Beam-Stationen aus. Kuba, Bolivien und Mexiko entwickelten sich zu Drehscheiben. Der Brückenkopf in Europa waren die aus der EU ausgetretenen Länder Griechenland und Ungarn. Nur eines schaffte niemand: Versuche, Lebewesen zu beamen, stellte Alibaba nach unschönen Tierversuchen schnell ein. Die Körper kamen zwar korrekt zusammengesetzt an, aber ohne Bewusstsein.
Bei aller Bequemlichkeit besaßen die Alibaba-Beamer jedoch ein paar nervige Eigenschaften. Die Daten jeder Sendung landeten beim chinesischen Mutterschiff. Dieses bombardierte einen fortan ungefragt mit Parfümpröbchen und ähnlichem Mist. Zudem hatte sich der chinesische Geheimdienst ein paar Hintertürchen einbauen lassen.
Für meine Beambox hatte ich daher den Quantenscan-Pufferspeicher manipuliert. Ein netter kleiner Algorithmus überlagerte den verschickten Gegenstand mit einem zweiten, sinnfreien Objekt. Nun langweilten sich die Beam-Spammer und -Spione etwa mit hin- und hergebeamten Briefen zweier älterer Linguisten über die erste (germanische) Lautverschiebung.
Man kann sich vorstellen, welchen Erfolg meine Kiste vor allem unter Jugendlichen hatte, als ich begann, sie zu verkaufen. Denn mit ihr ließ sich natürlich auch die elterliche Beam-Kontrolle kreativ umgehen. Besonders Alkohol für Partys wurde unter Missachtung der Alterssperre versandt. Etwas unbequem wurde die Sache aber, als Rauschgifthändler und Waffenschmuggler die neue Technik entdeckten und kopierten. Denn auch Filter, die verbotene Ware erkennen sollten, konnte mein Algorithmus überlisten. Ich kam nicht umhin, ihn gesetzeskonform anzupassen – womit er einen Großteil seines Reizes verlor.
Ich hatte aber ohnehin schon die nächste Geschäftsidee. Mit 19 erfand ich die Beam-Cloud. Darin lassen sich die Quantensignaturen von Objekten zwischenspeichern und bei Bedarf physisch wieder abrufen. Alibaba und Co. benötigten fortan keine Warenhäuser und Banken keine herkömmlichen Safes mehr. Zugegeben, noch ist ein ganzer Raum nötig, um ein ausreichend starkes Verschränkungsschutzfeld zu generieren.
Trotzdem ging die Bewertung meines Start-ups durch die Decke. Die meisten Kunden zog dieser Werbeslogan an: "Beamen Sie das alte Zeug aus der Garage in die Cloud, und sagen Sie Ihrer Frau, Sie hätten endlich ausgemistet." (vsz)