ICANN-Wahl: Bekommen die Europäer noch einen Kandidaten?
Bis zum 14. August ist noch Zeit Zur Nominierung von Kandidaten, die im ICANN-Direktorium die Internet-Nutzer vertreten sollen. heise online will fĂĽr etwas mehr Durchblick im Kandidatenkarusell sorgen.
Noch bis zum 14. August haben potenzielle Bewerber um den Sitz des europäischen ICANN-Direktors, der die Internet-Nutzer vertreten soll, Zeit, ihren Hut in den Ring zu werfen. Bis dahin müssen sie ihre Daten an die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) geschickt haben, um überhaupt als möglicher Kandidat für die Wahl der Direktoriumsmitglieder durch die Internet-Nutzer in Betracht zu kommen. Nur zwei weitere Namen können Europas ICANN-Wähler anschließend der vom Nominierungskomittee der ICANN bereits mit fünf Namen besetzten Nominierungsliste hinzufügen. Allerdings müssen sich die Wähler auf aussichtsreiche Kandidaten konzentrieren, denn nur wer bis zum 31.8. mindestens 719 Unterschriften erhält – das entspricht zwei Prozent der europäischen Wählerschaft – bekommt eine Chance zur Kandidatur. Außerdem müssen die Bewerber auch noch die Hürde nehmen, dass ausreichend viele Stimmen aus dem eigenen Land allein nicht ausreichen. Vielmehr brauchen sie mindestens Unterstützung aus zwei Ländern.
heise online will in den kommenden Tage für einen Überblick über das Kandidatenkarussel sorgen. Gemeinsam mit dem französischen Network Information Center (NIC) präsentieren wir alle Kandidaten, die sich an einer Fragebogenaktion von Gouvernance de l'Internet und heise online beteiligen. Soweit Kandidaten bereits öffentlich – online oder offline – ihre Kandidatur erklärt haben, wurden sie von uns gebeten, Fragen zu den Motiven ihrer Bewerbung und möglichen Abhängigkeiten zu beantworten. Weitere Vorschläge und Selbstnominierungen sowie das Diskussionsforum auf heise online stehen jedem und jeder Interessierten offen. Dafür haben wir die ICANN-Seiten auf heise online aktualisiert und eine spezielle Seite für die Vorstellung derjenigen eingerichtet, die sich zu einer Kandidatur bereit erklärt haben.
Forscherdrang
Ganz offensichtlich wird fast nirgends in Europa so hektisch nach immer mehr Kandidaten geforscht wie in Deutschland. Bei einem Treffen zwischen Vertretern von D21 und Branchen- und Verbandsvertretern am Montag in Hannover ging es etwa ebenfalls darum. Auf der Liste des Fördervereins für Informationstechnik und Gesellschaft (FITUG) erklärten am vergangenen Wochenende gleich mehrere Usenet- und Netz-Kenner ihre Kandidaturen, darunter Lutz Donnerhacke vom Jenaer Provider IKS, Usenet-Nutzern als Dana-Moderator bekannt. Die Zahl der deutschen Bewerber dürfte inzwischen bereits bei knapp einem Dutzend liegen, darunter sind auch Vertreter von Universitäten wie der Münsteraner Jura-Professor Thomas Hoeren.
In den europäischen Nachbarländern werden dagegen kaum alternative Kandidaten diskutiert. "Wahrscheinlich schauen sich die Leute hier nur die Wählerstatistik an und denken, dass sie da keine Chance mehr haben", sagte der niederländische ICANN-Direktor Rob Blokzijl gegenüber heise online. In den Niederlanden finde keine Kandidatendiskussion statt – dasselbe gilt übrigens für Finnland. Auch beim britischen und schwedischen NIC zuckt man auf die Kandidatenfrage virtuell mit den Schultern. Anders in Frankreich, wo das französische NIC bereits vier Alternativ-Kandidaten zum ICANN-Vorschlag, einem Vertreter von France Telecom vorstellt. "Wir wollen allerdings alle europäischen Kandidaten vorstellen", sagt Olivier Guillard vom französischen NIC, das alle fünf offziellen Kandidaten auf seiner Seite vorstellen wird. Hintergrundinformationen zu den Kandidaten weltweit liefert außerdem die Civil Society Internet Forum.
Wolfgang Kleinwächter vom ICANN-Studienkreis, immer wieder als ICANN-Direktor im Gespräch, erklärte dagegen ausdrücklich, er stünde nicht für eine Kandidatur zur Verfügung: "Ich habe bereits im März bei der von mir initiierten Gründungstagung des ICANN-Studienkreises deutlich gemacht, dass ich für eine Kandidatur, zu der mich in der Tat einige gedrängt haben, nicht zur Verfügung stehe. Ich beobachte den ICANN Prozess wissenschaftlich und würde zwangsläufig meine neutrale Urteilsfähigkeit einbüßen, wenn ich eigene Interesse verfolgen würde", kommentierte er gegenüber heise online. Dafür bestätigte uns beispielsweise der Spanier Roberto Gaetano seine Kandidatur. Zu Gunsten von Gaetano, bereits Mitglied im Political Oversight Committee (POC) und damit einer der ICANN-Kenner, zog ein ebenfalls mit dem ICANN-Prozess vertrauter deutscher Kandidat, CORE-Mitglied Siegfried Langenbach, seine Bewerbung zurück. Er wolle sich nicht selbst nominieren, meinte der dot.com-Händler aus Düsseldorf, der selbst an den Regeln für die At-large-Prozess mitgewirkt hatte.
Auch der vom German Chapter der Internet Society beim Nominierungskomittee vorgeschlagene Hans-Peter Dittler hat sich noch nicht endgültig entschieden. Er will sich zunächst mit ISOC-Vertretern absprechen. Dittler will nur dann kandidieren, "wenn auch von außerhalb des ISOC.DE deutliche Unterstützung für eine Kandidatur signalisiert wird". Er fürchtet allerdings, dass die Zeit knapp wird. Ob Jeannette Hofman vom Wissenschaftszentrum Berlin für eine Kandidatur bereit steht, hat sie noch nicht entschieden – sie würde wenigstens die Übermacht der männlichen Kandidaten etwas brechen.
Nachgehakt
Während sich die einen über Kandidaten die Köpfe heiß reden, starteten Anfang der Woche mehrere Initiativen Protestaktionen gegen die Weigerung der ICANN, die Registrierungsfrist für Wähler zu verlängern. Christian Schulze vom Hannoveraner ISP Comlink, der bereits eine alternativen Registrierseite installiert hatte, um die Kapazitätsprobleme der At-Large-Seite zu umgehen, will noch bis zum 31.8. Registrierungen sammeln. Dann sollen sie der ICANN übermittelt werden, "sicher mit dem Ziel, dass ICANN die noch akzeptiert". So ganz glaubt aber auch Schulz nicht mehr an das Wunder. Trotzdem will er mit ICANN Cannot - We Can dokumentieren, dass viele ausgeschlossen wurden.
Eine ähnliche Aktion läuft, unterstützt von den Computer Professionals for Social Responsibility (CPSR) in den USA. Unter www.egroups.com/group/icannt werden Enttäuschte aufgefordert, sich einzutragen. "Wenn mehr als 1000 zusammenkommen, werden sie an das ICANN-Direktorium weitergeleitet als Beweis für den Mangel an Fairness beim Registrierungsverfahren", heißt es auf der Seite. Und schließlich wird die Wahldiskussion auch noch in die Expo-Geschichte eingehen. Die heutige Frage beim Expo-Spiel SocialBrain lautete: "Würden Sie sich wünschen, dass der Stichtag zur Registrierung zur Wahl der ICANN-Direktoren neu angesetzt wird?" (Monika Ermert) (jk)