Gratis-Internet für die Dritte Welt – mit Haken

Ein Start-up aus Boston hat ein Verfahren entwickelt, mit dem Entwickler ihren Kunden in Entwicklungsländern Zugriff auf beliebige Android-Programme geben können, ohne dass die Nutzung auf der Mobilfunkrechnung auftaucht. Unkritisch ist das nicht.

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Von
  • David Talbot

Ein Start-up aus Boston hat ein Verfahren entwickelt, mit dem Entwickler ihren Kunden in Entwicklungsländern Zugriff auf beliebige Android-Programme geben können, ohne dass die Nutzung auf der Mobilfunkrechnung auftaucht. Unkritisch ist das nicht.

In Indien hat Facebook mit seinem Projekt Internet.org eine App in Planung, die ein sogenanntes Zero Rating erlaubt: Kunden eines bestimmten Mobilfunkbetreibers können damit auf das soziale Netzwerk und eine Auswahl anderer Websites, darunter Wikipedia, kostenlos per Smartphone zugreifen. Unumstritten ist der Ansatz nicht: Kritiker meinen, dass er die Netzneutralität aushebelt und Facebook noch mehr Macht verschafft.

Die amerikanische Firma Jana will die Idee nun deutlich ausweiten und – auf eine gewisse Art – demokratisieren: Ein Zero Rating soll künftig für jeden App-Entwickler möglich werden, der sich bereiterklärt, die Kosten für Download und Nutzung zu übernehmen. Kunden bekommen dazu eine Gutschrift auf ihre Rechnung – plus Bonusminuten, die für beliebige andere Online-Aktivitäten auf dem Smartphone genutzt werden können.

Der Dienst von Jana, der über die Android-App der Firma angeboten wird, heißt mCent und könnte leichter Verbreitung finden als die Internet.org-Idee. So sieht sich Jana nicht als Gatekeeper und beschränkt sein Angebot auch nicht auf einen Mobilfunkanbieter. "Wir interessieren uns nicht nur für kostenloses Facebook oder eine kostenlose Wikipedia, sondern wir wollen Internet für alle. Deshalb können die Nutzer sich eine Gutschrift verdienen, die sie dann für freies Surfen benutzen können", erklärt Jana-Chef Nathan Eagle.

Auch bei Facebook hat mittlerweile ein Umdenken eingesetzt. Nach der Kritik, das Zero Rating verletzte die Netzneutralität, kündigte Firmenchef Mark Zuckerberg an, sein Angebot in Indien auf beliebige Entwickler auszudehnen, solange diese "bestimmte Richtlinien" einhielten. Zuvor hatten eine Million Menschen in Indien E-Mails an die dortige Regulierungsbehörde für Telekommunikation geschickt, die Facebook-Idee nicht zu genehmigen.

Jana setzt bei seinem Dienst auf bereits bestehende Beziehungen zu weltweit 237 Mobilfunkanbietern. So sollen die Kunden ihre Gutschriften erhalten. "Der Grund, warum das noch nicht früher geklappt hat, war, dass wir die letzten acht Jahre damit verbracht haben, eine Infrastruktur aufzubauen, die mit den Bezahlsystemen Hunderter Mobilfunkanbieter spricht." Genau das reduziere nun die Eintrittsbarriere für App-Entwickler, sagt Eagle.

Janas Technik wurde 2006 erstmals eingesetzt. Damals suchte die kenianische Regierung nach einer Möglichkeit, Mitarbeiter im Gesundheitswesen für ihre Telekommunikationskosten zu entschädigen, die beim Versenden von Krankendaten anfielen. Später experimentierte die Firma mit einem Dienst auf einfachen Mobiltelefonen, bei dem Kunden nach Beantwortung von Marketingfragen kostenlose Telefonminuten erhielten.

Seit dem letzten Jahr baut Jana nun mCent auf. Anfangs war geplant, Kunden die Kosten zu ersetzen, die mit dem Download (aber nicht der Nutzung) von Apps wie denen von Twitter, Amazon oder TenCent in China verbunden waren. Rund 25 Millionen Nutzer haben sich registriert. Die App ist in 15 Ländern verfügbar, darunter Indien, Indonesien, Nigeria und Brasilien. Die neue Version von mCent erlaubt es nun, auch die eigentliche Anwendungsnutzung zu entschädigen.

Wird ein App-Entwickler Kunde von Jana, wird seine Software in der mCent-App präsentiert und beworben. Jana sammelt dann Gebühren ein, wie dies auch Werbenetzwerke tun würden: Der beste Platz wird versteigert – derjenige kommt ganz nach oben, der am meisten bezahlt. Daher ist auch Jana nicht unkritisch: Auch hier wird die Netzneutralität ausgehebelt, die besagt, dass kein Datenpaket bevorzugt werden sollte. (bsc)