Wenn der Inhalt die Form schlägt
Die Web-Präsenzen japanischer Ministerien bieten im Gegensatz zu ihren deutschen Pendants vorbildlich breite und transparente Veröffentlichungen von Statistiken, Berichten und Protokollen - bei überladendem Layout. Besser so, als anders herum.
- Martin Kölling
Ich muss schon sagen: Die Internet-Seiten deutscher Ministerien sehen hübsch und übersichtlich aus. Doch ich fluche jedes Mal, wenn ich nach etwas ganz bestimmtem suche. Haben Sie beispielsweise einmal versucht, die Grunddaten für das nominale Bruttoinlandsprodukt unserer Heimat auf der Homepage des Statistischen Bundesamts auf Englisch zu finden? Gibt's nur auf Deutsch und für die letzten zehn Jahre. Wer mehr wissen will, muss vermutlich 50 Euro Jahresgebühr zahlen, so genau wird das aber nicht erklärt.
Oder sie wollen Interna und Protokolle des Wissenschaftsrats? Abschlussberichte und Positionspapiere ja, Sitzungsberichte: Fehlanzeige. In Japan finden Bürger mit ein wenig Geduld fast alles. Oft sogar auf Englisch, manchmal wie Japans Starterkit Web Japan auch noch in anderen Sprachen. Vorbildlich, dem vor wenigen Jahren verabschiedeten Gesetz zur Datenveröffentlichung sei Dank.
Nehmen wir einmal das Ministerium für Erziehung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie, kurz Mext. Die Pressekonferenzen des Ministers sind dort genauso auslesbar wie auch das Protokoll der Plenarsitzungen des nationalen Erziehungsrats. Gleiches gilt für den Rat für Wissenschaft und Technologie sowie diverse Unterräte, in denen in Japan Experten die Politik des Landes mitbestimmen. Dazu gibt es natürlich noch die Beschlussvorlagen, Expertenberichte und vieles mehr. Der Bürger wird geradezu totgeworfen mit Informationen.
Selbst an die Kleinsten hat das Mext gedacht und gleich oben rechts auf der Startseite eine Kinderecke und eine Sorgenseite für Mobbing-Opfer in der Schule platziert. Auch andere Organe wie das mächtige Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti) oder das Aussenministerium unterhalten Kinder.
Die Buchhalter im Finanzministerium waren sogar ganz besonders kreativ. Ohne einen Anflug von Selbstironie lassen sie die Kinder in ihrer "Kids Corner" in verschiedenen Online-Spielen auf der Seite "Final Click" den Staatshaushalt in der Balance zwischen Einnahmen und Ausgaben bringen. Oder sie ermöglichen den Kleinen in der "Go! Go! Finance Town" beim "Finanzfußball" zu erfahren, dass das Verpassen von Chancen zu kahlen Spielplätzen und Feuersnöten führen kann. Je mehr Tore man schiesst, desto schöner wird die virtuelle Stadt dagegen. Wahrscheinlich hätten die Finanzbeamten gerne selbst als Kinder solche Spiele gespielt, denn sie haben Game-technisch offenkundig ungeschult in den letzten Jahren Schulden angehäuft, die über dem Eineinhalbfachen des Bruttoinlandsproduktes liegen.
Nichts auf dieser Welt kommt jedoch bekanntlich ohne seinen Preis. Auf japanischen Regierungs-Websites ist es die fehlende Überschaubarkeit, mit der man die Infoflut bezahlt. Die Seiten quellen in der Regel über von Links. Dazu sind sie durch verschiedene gewagte Farbkombinationen und Animationen unruhig gehalten. Ich muss gestehen, in den letzten Jahren hat sich bereits viel verbessert, aber oft beginnt schon knapp unter der Oberfläche das bonbonfarbene Design der Internet-Steinzeit-Amateure.
Man schaue sich nur die "Wanted"-Seite der japanischen Polizei an: Türkiser Hintergrund, blaue Schrift und blauer, weißumrahmter Überschriftenkasten mit gelber Schrift. Und rechts dann eine lachsfarbige Navigationsleiste mit Bonsai-Schriftzeichen. Einen Augengraus. Auf keinen Fall Fehlen dürfen süße Manga-Figuren wie das Maskottchen der Tokioter Schutztruppe namens Pipo-Kun, das aussieht wie eine fliegende Maus mit Schlafmütze. Auch in den Präfekturen herrscht oft noch das buntes Online-Farbenspiel, beispielsweise in Nagano.
Ungewollt lustig können die Ausflüge in die Multimedia-Welt sein. Japans Ministerpräsidenten verwenden bereits seit Junichiro Koizumi im Jahr 2001 wöchentliche E-Mail-Newsletter, um direkt ihre Gefühle und Gedanken mit ihrem Volk (und in englischer, chinesischer und koreanischer Übersetzung mit dem Rest der Welt) zu teilen. Sein Staatschef-Nachfolger Shinzo Abe greift nun aggressiv auch per Video an: Der Höhepunkt war bislang ein zum Glück auf YouTube archivierter Werbespot für das Land. In "Welcome! To Beautiful Japan!" warb der Politprofi in grauem Tuch mit den Händen an der Hosennaht in stark akzentgefärbtem Englisch für Reisen in seine Heimat. Der Film soll selbst den Producern ein wenig peinlich gewesen sein, habe ich über Ecken gehört. Zu recht. Aber andererseits: Dem Wagemut zu Offenheit und Multimediaexperimenten sollte man durchaus seine Hochachtung zollen. Und Angela Merkels Podcast ist ja schließlich auch kaum cooler. (wst)