Maulkorb für Maschinen
Wer weiß schon, was ein Telefon mit einem anderen Telefon zu besprechen hat? Ich sage: Haltet die Maschinen unter Kontrolle!
- Peter Glaser
Möchte man, von einem anstrengenden Arbeitstag nach Haus gekommen, von einer Horde heiterer Haushaltsgeräte empfangen werden? Von kichernder, künstlich intelligenter Küchengerätschaft? Möchte man nicht. Über einen Koffer namens Tony, der von alleine hinter einem herläuft, ließe sich vielleicht noch reden. Aber schon die Szenen in "Blade Runner", in denen der Replikantendesigner J. F. Sebastian in seiner Wohnung von selbstgebastelten Wesen umwuselt wird, sind beklemmend.
All das ist aus der puren Science Fiction schon nahe an unsere reale Gegenwart herangerückt. Wer schon einmal in einem Auto voller Sprachwarnungsoptionen gesessen hat und ständig von dem Fahrzeug angelabert wurde, ob er nun vergessen hat, den Gurt, die Tür oder das Handschuhfach zu schließen, wird wissen, was ich meine.
Während aber der Geräte- oder Genmutations-Genervte noch einigermaßen die Übersicht über das Geschehen hat und notfalls autoritär einzugreifen imstande ist, mehren sich die Fälle, in denen sich Nutzerinnen und Nutzer aus vermeintlicher Bequemlichkeit nicht weiter mit der Maschine befassen und dafür von ihr verpfiffen werden. Jüngst rund um die Meldungswelt gegangen ist die Geschichte der untreuen Ehefrau, deren aus dem Irak heimgekehrter Gatte im "Mii"-Channel der gemeinsamen Wii-Spielkonsole einen fremden Avatar entdeckte – Kalendervergleiche zeigten, dass seine Frau und der Spieler hinter dem Mii sich mehrere Nächte miteinander unter anderem beim Wii-Bowling vergnügt hatten. Scheidung!
Seit den Achtzigerjahren arbeitet man am MIT Media Lab an smarten Zimmern. Sie sollen herausfinden können, was die Leute wollen, die sich in ihnen aufhalten, und sie bei ihren Absichten unterstützen oder ihnen Arbeit abnehmen. Zu den Fähigkeiten eines solchen Zimmers sollen unter anderem intelligente Telefone beitragen, die sich in der Art von Assistenten beispielsweise über Termine ihrer Besitzer verständigen: "Hallo, hier ist das Telefon von Peter, spreche ich mit dem Telefon von Wolfgang?" Die Vorstellung, dass mein Telefon hinter meinem Rücken mit irgendwelchen anderen Telefonen mauschelt, ist mir allerdings nicht angenehm. Wer weiß, worüber die reden.
Vollends verraten, ob wir nun wollen oder nicht, sind wir durch Google. Google ist sozialer Striptease, ein Röntgengerät für unsere Absichten. Mich wundert, dass der Vatikan nicht längst ein größeres Aktienpaket an der Suchmaschine hält (vielleicht tut er es schon), denn nirgendwo beichten die Menschen ihre Begierden so unverstellt und ohne jede Illusion eines Geheimnisses hinein wie in den Google-Suchschlitz.
Diskretion und Vertraulichkeit sind Werte einer versinkenden Welt. In Miami verklagte eine Frau ihren Gatten auf Herausgabe der Hälfte eines Lottogewinns – immerhin 1,2 Millionen Dollar -, den er vor ihr verheimlicht hatte. Sie war mißtrauisch geworden, nachdem er eine Weile von ihr verlangt hatte, den Fernseher ausgeschaltet zu lassen. Nachdem ihr eine Postkarte in die Hände gefallen war, auf der man ihm zum Kauf einen neuen Hauses gratulierte, googelte sie ihren Gatten – Bingo.
Auch der Engländer, der Anfang der Woche mit angeblichem Gedächtnisverlust in einer Londoner Polizeistation aufgetaucht war, nachdem er fünf Jahre lang für tot gehalten wurde, kann sein womögliches Glück nicht im Stillen genießen. Seine Frau hatte ihn nach einem halben Jahr für tot erklären lassen, die Lebensversicherung eingestrichen und war nach Panama ausgewandert. Dann entdeckte jemand auf der Website movetopanama.com ein Foto aus dem Sommer 2006, das sie mit ihrem Mann zeigt. Das Foto ist inzwischen weg, der Mann ist wieder da, dafür ist seine Frau nun verschwunden. Und Google ist überall. (wst)