Signifikant verunsichert

Eine aktuelle Studie besagt, die Zahl der Leukämiefälle bei Kleinkindern steigt, je näher sie an einem Atomkraftwerk wohnen. Was daraus folgt, ist aber unklar.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Derzeit rauscht es gehörig durch den Blätterwald, und auch auf der politischen Bühne ist die Diskussion erneut ausgebrochen: Ist es – insbesondere für Kleinkinder – gefährlich, in der Nähe von Kernkraftwerken zu wohnen? Eine im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz erstellte Studie scheint dies zu bestätigen: Die Autoren vom Deutschen Kinderkrebsregister Mainz kommen zu dem Schluß, dass zwischen 1980 und 2003 Kinder unter fünf Jahren im 5-Kilometer-Umkreis von einem der deutschen Atomkraftwerke (AKW) häufiger an Leukämie erkrankten als ihre Altersgenossen außerhalb dieses Gebiets, und das Risiko umso höher war, je näher sie an dem Meiler wohnten. Für jeden Krebsfall wurden als Vergleich zwei Kinder als Kontrolle herangezogen, die genauso weit vom AKW entfernt wohnten.

Das Ergebnis sei statistisch signifikant, aber weder medizinisch noch strahlenbiologisch erklärbar. Es lohnt sich, diese widersprüchlichen Ergebnisse genauer anzuschauen. Damit kein Mißverständnis entsteht: Jeder Fall von Krebs ist tragisch. Auch dann, wenn Leukämie gerade bei Kindern in etwa 80 Prozent der Fälle heilbar ist. Aber was sagt die Studie letztlich aus?

Punkt 1: Die Autoren der Studie haben nur überprüft, ob die Häufigkeit der Krebsfälle in dem Testgebiet größer ist und ob sie signifikant steigt, je näher ein Kind an einem AKW wohnt – ob also das Erkrankungsrisiko mit der Nähe zunimmt. Die Strahlenbelastung wurde nicht ermittelt, es gab auch keine Meßergebnisse aus anderen Quellen. Als Ersatzmaß diente die Entfernung zum AKW. Laut den Ergebnissen besteht ein signifikanter Zusammenhang. Welche Risikofaktoren indes tatsächlich die Ursachen für die Erkrankungen sind, konnte nicht geklärt werden und wurde auch nicht überprüft. Dies wird wohl jetzt im Anschluß erfolgen.

Punkt 2: „Häufiger“ bedeutet in diesem Fall, dass es in einem 5-Kilometer-Umkreis um ein AKW pro Jahr im Schnitt 1,2 (nochmal in Worten: einskommazwei) Krebsfälle mehr auftreten. Die Häufigkeit von Leukämiefällen im Speziellen war tatsächlich signifikant höher (0,8 zusätzlich Fälle mehr pro Jahr als statistisch zu erwarten gewesen wäre), bei anderen Krebsarten wie Tumoren wurde kein aussagekräftiger Anstieg beobachtet. Die Autoren räumen ein, dass es nicht erwiesen sei, ob tatsächlich eine aus den AKW austretende Strahlung die Ursache für den Krebs ist. Das sei theoretisch möglich, genauso gut könne es sich aber auch um eine zufällige Häufung handeln.

Diese Ergebnisse alarmierend zu nennen und eine sofortige Abschaltung aller Atomkraftwerke zu fordern – wie es etwa Wolfgang Jüttner, SPD-Fraktionschef von Niedersachsen, getan hat – ist nicht hilfreich und schürt unnötig Ängste. Der Ausstieg aus der Kernenergiewirtschaft ist durchaus sinnvoll, aber aus einem anderen Grund: weil er auf Generationen hinaus ein strahlendes Erbe produziert, das auf Jahrhunderte hinaus so sicher unter der Erde vergraben werden muss, wie es nur geht. Das gerade absaufende Atommüll-Endlager Asse in Niedersachsen zeigt, wie wenig die Sicherheit mitunter gewährleistet werden kann.

Doch zurück zu der Studie. Die Autoren sehen „keine plausible Erklärung für den festgestellten Effekt“. Man darf davon ausgehen, dass die Strahlung um ein AKW herum regelmäßig gemessen wird. Bei Gammastrahlung, die praktisch ungehindert in Gewebe eindringen könnte, ist das noch verhältnismäßig einfach mit sogenannten Dosimetern zu bewerkstelligen. Nicht diese Strahlung gilt aber als Ursache für Krebs bei Kindern, sondern die Alpha- und Betastrahler, die in Form von Atemluft oder Essen aufgenommen werden. Obgleich diese Strahlungsformen schwer zu messen sind und häufig über Berechnungen abgeschätzt werden, sind sie auch am leichtesten abzuschirmen. Den Experten zufolge ist die Strahlung um ein AKW herum um den Faktor 1.000 bis 100.000 geringer als die natürlich Strahlung, der man überall ausgesetzt ist. Diese Belastung ist niedriger, als bei einer Röntgenaufnahme oder beim Fliegen.

Wie erklärt sich aber dann die leicht erhöhte Krebshäufigkeit im Studienergebnis? Drei Ursachen sind möglich:

1. Es ist tatsächlich ein zufälliges Ergebnis. Studienleiterin Maria Blettner sagte in einem Interview, eine ähnliche Häufung sei auch um Orte gefunden worden, an denen ein AKW geplant, aber nie gebaut wurde.

2. Eine bislang unauffällige Chemikalie, die unbemerkt durch alle Filter geht, transportiert unbemerkt Alpha- oder Beta-Teilchen aus einem AKW in die Umgebung, wo Menschen es einatmen oder über die Nahrung aufnehmen können.

3. Es handelt sich um eine andere Ursache als radioaktive Strahlung.

Nehmen wir einmal an, dass die Studie ist in ihrer Methodologie korrekt war, und gehen wir weiter davon aus, dass es tatsächlich Antwort 2 oder 3 ist. (Wohlgemerkt: Dafür hat diese Studie ohne genaue Ursachensuche kein wissenschaftlich oder technisch hilfreiches Ergebnis erbracht. Weder wissen wir, ob wir neue Filter und Abschirmvorrichtungen bauen müssen, noch haben wir einen Hinweis, wie den zusätzlichen Krebsfällen eventuell vorzubeugen ist.) Was bedeutet das dann für den weiteren Betrieb von AKWs? Ist ein solches zusätzliches Risiko tolerabel? Oder führt man einfach einen neuen Grenzwert ein? Aber wenn ja, wofür? Die Untersuchung wäre erst dann sinnvoll gewesen, wenn man gleichzeitig auch nach Ursachen gesucht hätte – und sei es, dass dabei dann nur der Zufall ausgeschlossen worden wäre. Die entstandene Panik und falschen Schlüsse waren von den Experten vielleicht nicht beabsichtigt – wohl aber vorauszusehen gewesen. (wst)