Durchs wilde Findistan
Kleine Maschinen helfen uns heute dabei, ein GefĂĽhl existentieller Unsicherheit in eine behagliche Annehmlichkeit zu verwandeln. Manchmal jedenfalls.
- Peter Glaser
Jedes digitale Schnipselchen scheint inzwischen wissen zu wollen, wo es ist. Bei Flickr kann man Fotos an geografischen Koordinaten befestigen. Die Gracenote Music Map verrät einem, wer sich gerade wo was anhört. Und Googles Dienst für Mobilgeräte zeigt einem auch ohne GPS so ungefähr den eigenen Standort.
Der Klassiker aber ist und bleibt das satellitengesteuerte Navigationssystem, jenes taschenbuchgroße prall mit Kartenwissen gefüllte Bildschirmchen, das einem mit gewinnender Stimme die richtige Richtung anrät. Es ist ein bißchen wie in zurückliegenden Zukunftsvorstellungen, in denen der modernste Mensch in Kuppelstädten wohnt und auf Schwebegleitern zur Arbeit fährt. Das Navi verwandelt das private Kraftfahrzeug in ein auf virtuellen Schienen entlangeilendes Gefäß. Prinzipiell jedenfalls.
Als meine Frau und ich uns mit dem Auto von New York auf den Weg nach Chicago machen wollten, war ein Navigationssystem das Extra der Wahl. Es macht das Abenteuer angenehmer, mit einem fremden Auto durch eine fremde Stadt zu gurken. Leider war das erste Navigationssystem defekt. Man merkt das daran, dass das Gerät nicht mit einem spricht und einen fortaufend geraden, roten Strich auf dem Stadtplan offeriert. Also zurück zur Autovermietung. Da kein anderes Navigationsgerät verfügbar ist, sollen wir eines bei einer anderen Filiale abholen. Wie - ohne Navigationssystem?
Zum Glück ist in New York alles schön viereckig. Langsam setzt der Feierabendverkehr ein. Der Mann, der uns das neue Navi aushändigt, will uns einen Gefallen tun. Man kann an dem Gerät verschiedene Sprachen einstellen, er stellt Deutsch ein. Da er kein Deutsch spricht, weiß er ab da nicht mehr - und wir noch nicht - wie man das Ding bedient. Er sagt, es funktioniert von alleine. Zukunftstechnologie eben. Der Feierabendverkehr ist in vollem Gang. Alle New Yorker wollen nach Hause und sind ungeduldig. Tatsächlich, das Navigationssystem spricht zu uns. Wunderbar. Nach einer Minute ist wieder Schluß damit. Lost Satellite steht auf dem Bildschirm. In der Schluchttiefe zwischen den Wolkenkratzern gibt es keinen GPS-Empfang, grade da könnte man ihn aber ganz gut gebrauchen.
Abends im Hotel liegt das Navigatonssystem auf dem Bett. "In dreissig Metern nach rechts abbiegen", sagt es. Ich kann keinen Ausschaltknopf finden. Wenn das Ding die ganze Nacht die Richtung ansagt, werde ich schlecht schlafen. Ich hatte sowas schon mal auf einer Nilkreuzfahrt erlebt, wo man an Bord tagelang mit Weihnachtsliedern berieselt wurde und die Musik nur ganz leise drehen, aber nicht ausschalten konnte. Selten einen so gut getarnten Ausschaltknopf gesehen wie an dem Navigationsgerät. Kaum eine halbe Stunde später hatte ich ihn.
In einem Taxi in Tokio habe ich zum ersten Mal ein 3D-Navigationssystem gesehen. Links und rechts wehten die Fassaden am Straßenrand vorbei wie leuchtende Vorhänge. Ich war auf eine der hundert Universitäten der Stadt eingeladen, aber der Taxifahrer fand nicht hin, trotz 3D-Navigation. Man muß dazu vielleicht noch wissen, dass es in Tokio keine Straßennamen gibt. Auch keine Hausnummern. Etwa 40 Millionen Menschen leben im Großraum Tokio, und ich glaube, es sind deshalb so viele, weil sie alle nicht mehr rausfinden.
Ich hatte so eine Ahnung, dass wir ganz in der Nähe der Unversität waren, zu der ich wollte. Aber einfach aussteigen ging nicht. Die Fahrt hatte auch eine moralische Dimension. Der Fahrer starrte haßerfüllt auf das 3D-Navigationssystem und begann sich mit der Faust gegen den Kopf zu schlagen, um anzudeuten, wie niederschmetternd es für ihn sei, dass er mich nicht an das gewünschte Ziel bringen könne. Wäre ich ausgestiegen, hätte der Mann ohne Frage sein Schwert aus dem Kofferraum geholt und sich rituell entleibt.
Also drehten wir eine Ehrenrunde, bis es in Ordnung war, auszusteigen. Den Rest des Weges ging ich mit dem Stadtplan, auf dem ich einen großen Park erkannte, und mit einer analogen Navigationshilfe, die mir schon öfter gute Dienste gelestet hatte: einem Kompass. (wst)