Schimpfen ist Silber, Reden ist Gold
Reden wir ĂĽber Nanopartikel: Wie man das konstruktiv macht und zu interessanten Ergebnissen kommt, zeigt zum Beispiel das von der Schweizer Stiftung Risiko-Dialog moderierte CONANO-Projekt.
- Niels Boeing
Kaum ein Satz ist in der nun schon ein paar Jahre alten Nanorisiko-Debatte so gebetsmühlenartig wiederholt worden wie „Wir dürfen die Fehler der Gentechnik nicht wiederholen“. Was anfangs wie ein Lippenbekenntnis rüberkam, nimmt allmählich doch Gestalt an. Inzwischen haben einige Stakeholder-Dialoge und Verbraucherforen zu Nanomateralien und ersten Nanoprodukten stattgefunden.
Ein durchaus viel versprechendes Beispiel ist das gerade zuende gegangene CONANO-Projekt, dessen Schlussbericht (Zusammenfassung) in der letzten Woche in Basel vorgestellt wurde. Moderiert von der Schweizer Stiftung Risiko-Dialog, haben der Pharma-Konzern Novartis und der Chemikalienhersteller Ciba Spezialitätenchemie gemeinsam mit dem Freiburger Öko-Institut und dem Ökologie-Institut aus Wien verschiedene medizinische „Delivery-Systeme“ unter die Lupe genommen. Damit sind Partikel gemeint, die medizinische Wirkstoffe transportieren – seit längerem ein hoch gehandeltes künftiges Anwendungsgebiet der Nanotechnik.
Bewertet wurden neben Mikro- vor allem Nano-Delivery-Systeme. Diese wurden nun zusätzlich in – dissoziativ oder enzymatisch – abbaubare und nicht abbaubare Nano-Delivery-Systeme unterteilt. Während mit ersteren etwa Liposome (also Hohlkugeln mit einer Lipid-Hülle) gemeint sind, handelt es sich bei letzteren um Fullerene, also Kohlenstoffmoleküle in Kugel- (Buckyballs) oder Röhrenform (Nanotubes).
Einig waren sich alle Beteiligten darin, dass Mikro- und abbaubare Nano-Delivery-Systeme dann unproblematisch sind, wenn ihre chemischen Einzelbestandteile „GRAS-zertifiziert“ sind. GRAS steht für „generally recognized as safe“ und ist eine Bezeichnung der US-amerikanischen Lebensmittel- und Arzneibehörde FDA für Stoffe, die sich in Tests oder in der Praxis als gesundheitlich unbedenklich herausgestellt haben.
Wirklich interessant ist aber der weitgehende Konsens, Nanotubes und Buckyballs als Delivery-Systeme erst mal ganz vorsichtig anzugehen. „Alle Stakeholder sind sich einig, dass das Vorsorgeprinzip (mit besonderem Schwerpunkt auf dem Arbeitsschutz) angewendet werden sollte, bis eine bessere Datenlage aufgebaut ist“, empfehlen alle Beteiligten im Bericht. Das oft geschmähte, weil angeblich innovationsfeindliche Vorsorgeprinzip kommt auch mal zu Ehren. Schön.
In der abschließenden Erklärung von Novartis heißt es: „Ein weiteres Resultat dieses Risiko-Dialoges war, dass sich Novartis zum jetzigen Zeitpunkt primär auf abbaubare nanoskalig aufbereitete Darreichungsformen von Medikamenten konzentriert. Andere Systeme werden erst nach Vorliegen von weiteren Daten evaluiert werden.“ Die bisherigen toxikologischen Daten zu Buckyballs und Nanotubes sind ziemlich widersprüchlich, und es wird wohl noch einige Jahre dauern, bis man hier ein klares Bild zeichnen kann.
Nun kann man zwar argwöhnen, dass Novartis vielleicht doch aus ganz praktischen Erwägungen Träger aus Nanotubes und Buckyballs erst einmal aus dem Plan gestrichen hat, zumal die Entscheidung des Konzerns gegen Fullerene laut Bericht schon zu Anfang des Projekts fiel. Denn die sind bislang noch nicht über das Stadium des ewigen Talents hinausgekommen – es gibt Hunderte interessante Möglichkeiten (vom Transistor bis zum Weltraumkabel), aber keine funktioniert bislang so zuverlässig, dass es schon zum Produkt reichen würde.
Ich glaube dennoch, dass die bisherige Debatte eine gewisse Wirkung gezeigt hat. Ohne sie würden derartige Projekte nicht in einem so frühen Stadium einer neuen Technologie von Umweltverbänden und Industrie zusammen geführt. Darauf deuten auch Formulierungen wie diese im Abschlussstatement von Ciba hin: „...nur so können mögliche Ängste und Unbehagen zu bestimmten Themenfeldern in der Öffentlichkeit im Vorfeld erkannt und durch geeignete Massnahmen (z.B. Schaffung von Akzeptanz, Überdenken des Themas) beseitigt werden.“
Einige nanotech-kritische Gruppen lehnen solche Koproduktionen zwischen Umweltszene und Industrie indes kategorisch ab. Als vor einigen Monaten die US-Gruppe Environmental Defense mit dem Chemiekonzern DuPont erste Ergebnisse ihrer gemeinsamen Initiative „Nanoriskframework“ vorstellte, gab es harsche Kritik: 21 NGOs warfen Environmental Defense in einem offenen Brief vor, mit der Zusammenarbeit die Bemühungen für eine rechtsverbindliche und explizite Regulierung von Nanotechnologien zu unterlaufen und der Industrie eine breite gesellschaftliche Diskussion über diese zu ersparen.
Der Ärger ist zwar durchaus nachvollziehbar, wirkt auf mich aber wie das Spiegelbild jener etwas brachialen „Top-Down-Mentalität“, mit der uns die Industrie manchmal von dem Glück der neuen Technologien überzeugen will. Wer permanent Dialog fordert, sollte selbst bereit dazu sein. Schimpfen ist Silber, Reden ist Gold. (wst)