Welcome To The Machine

Randalierende Nutzer, renitente Geräte: Hinter dem sanften Surren konventioneller Technologienutzung staut sich Ungebändigtes auf.

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Von
  • Peter Glaser

"Treten Sie die Nummer ein und lassen Sie sie eingelagert” - der Ausschnitt aus einer dieser Bedienungsanleitungen, denen die Übersetzung poetischen Zusatznutzen verleiht, und die im vorliegenden Fall das Speichern einer Telefonnummer (“Das Einlagern”) umschreibt, brachte noch eine andere, dunkle Saite in mir zum Klingen: Gewaltphantasien einer Maschine gegenüber. Will man als Nutzer seinen Unwillen gegen eine Maschine kundtun, gestaltet sich die Interaktion traditionell schwierig. Als ich in jungen Jahren am Fließband gearbeitet habe, gab es die Möglichkeit, gelegentlich einen Schraubenschlüssel in die Mechanik fallen zu lassen. Ich hätte mir eine konstruktivere Lösung gewünscht: ein Teil der Maschine, das einfach nur dazu da ist, um reintreten zu können. Ein emotionslösendes interaktives Element. Eine Zornzone. Konstrukteure denken nicht an sowas. Es wäre nötiger denn je.

Eine britische Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass mehr als 54 Prozent der User mindestens einmal pro Woche, 11 Prozent täglich, wegen eines Ärgernisses im Netz aus der Haut fahren. Manche schlagen dann erbost ihre Maus, traktieren die Tastatur oder züchtigen den Bildschirm. Es kommt auch vor, dass Personen, die sich gerade in der Nähe befinden, gehauen werden. Die Mehrzahl der Anwender resigniert und schaltet den Rechner ab.

Die Washington Post berichtete von George Doughty, dem Betreiber einer Bar, in der sich Angler und Jäger zu treffen pflegen. Er war verhaftet worden, nachdem er seinen toten Laptop an der Wand seines Lokals befestigt hatte - Gäste bezeugten, dass Doughty das Gerät zuvor, nachdem es zum x-ten Mal abgestürzt war, mit vier Gewehrschüssen erlegt hatte. Der Schütze wurde wegen fahrlässigen Umgangs mit Schusswaffen angezeigt und verbrachte eine Nacht in Gewahrsam. "Schon komisch", so der zuständige Polizeileutnant Rick Bashor, "wo doch alle ziemlich genervt sind von ihrem Computer" (Sekunden nach dem Statement stürzte der Polizeicomputer ab). Doughty bekannte später, es sei dumm gewesen, den Computer zu erschiessen. Im Augenblick der Tat sei er allerdings davon überzeugt gewesen, es wäre “genau das Richtige".

In seinem Blog beklagt sich etwa ein gewisser Fred über das lausige Design und die völlig unzulängliche Fehlerhandhabung vernetzter Systeme im Alltag. Er berichtet von einem Versuch vom Vortag, an einer benachbarten Tankstelle zu tanken. Kreditkarte durch das Lesegerät an der Zapfsäule gezogen, Zapfhahn gedrückt. Nichts. Gerüttelt, Knöpfchen gedrückt, Pumpe neu gestartet. Benzin für 30 Cent kommt aus dem Hahn. Der Tankwart kommt aus seinem Häuschen und empfiehlt, es mit einer anderen Zapfsäule zu versuchen, dort passiert dasselbe. Diesmal kommt Benzin für 25 Cent aus dem Hahn. Der Tankwart zuckt mit den Schultern. Es könnte sein, dass kein Benzin mehr im Vorratstank ist. An der nächsten Tankstelle wird die Kreditkarte abgewiesen. Die Software des Kreditkartenunternehmens ist offenbar der Meinung, es handle sich um einen Betrugsversuch. Kein Benzin mehr im Wagen. Fred, der sein Mobiltelefon nicht dabei hat, läuft zu Fuß den ganzen Weg nach Haus, um bei der Kartenfirma anzurufen. Ehe er mit einem Mitarbeiter sprechen kann, muß er einen fünfminütigen automatisierten Verifikationsprozess über sich ergehen lassen. Fred ist nicht nett zu der Person, mit der er schließlich verbunden wird. “Es war”, schreibt er, “zum Schreien”. Eine kleine Zornzone an der Zapfsäule hätte die Situation entspannt.

Abhilfe scheint zu nahen. Im März 2008 kommt der Punch Head auf den Markt, eine häßliche, aber nützliche USB-Zufügung für das Wutpotential Computer. Auf den kleinen, ansteckbaren Gummikopf kann man nicht nur einhämmern wie auf eine Portierklingel. Die zugehörige Software sorgt auch dafür, dass er schreit - und dass er um so lauter schreit, je fester man draufhaut. Das Material wird als velocity sensitive bezeichnet, was man mit wuchtsensibel übersetzen könnte. Damit nicht genug: “Lade ein Foto deines Lieblingsfeindes hoch und schau dir an, wie es sich vor Schmerz verzerrt.” Vorgenuß verschaffen Beispielclips mit O. B. Laden oder George W., malträtiert von einem roten Boxhandschuh.

Aber auch die Maschinen scheinen etwas zu ahnen. Robert P. Booth, ein Landwirt aus Wirtz im US-Bundesstaat Virginia, hat die erste Ass Kicking Machine der Welt gebaut – ein hölzernes Rad, an dem ein derber Schuh befestigt ist (und das auch bereits fleißig kopiert wird). Ein Freundeskreis im Internet namens “Ass-Kicker Central” berichtet, dass Booth von der Maschine, die etwa 100 Arschtritte pro Minute verabzureichen imstande ist, bereits attackiert worden sei, als er sich ihr unvorsichtig genähert habe. Dabei handelt es sich keineswegs um einen Einzelfall. So war beispielsweise der ehemalige thailändische Finanzminister Suchart Jaovisidha vor einiger Zeit von seinem Dienstwagen verschluckt worden. Auf dem Weg zu einer Rede vor hochrangigen Vertretern der internationalen Bankenwelt geriet sein BMW in einen Zustand katatonischer Starre. "Der Motor blieb stehen, die Klimaanlage fiel aus, die Türen verriegelten sich und die Fenster gingen nicht mehr auf", wird der Minister in einer Tageszeitung in Bangkok zitiert. "Wir bekamen kaum noch Luft." Fensterkurbeln gibt es in dem Fahrzeug nicht mehr. Um auf sich aufmerksam zu machen, gestikulierten der Minister und sein Fahrer wie wild. Es dauerte zehn Minuten, ehe das jemandem ungewöhnlich vorkam. Ein Sicherheitsbeamter, der sich in der Nähe aufhielt, versuchte schließlich, ein Seitenfenster mit einem Vorschlaghammer zu zertrümmern. Da die Ministerkarosse mit Panzerglas ausgestattet war, erwies sich das als außerordentlich mühsam. Die Maschinen wollen uns nicht mehr entkommen lassen. (wst)