Wettrennen um den Platz an der Sonne
In den letzten Jahren ließ Japans Regierung die Führerschaft in der Entwicklung der Solartechnologie aus den Händen gleiten. Jetzt hat Deutschlands Sonnenenergieboom die Beamten wachgerüttelt.
- Martin Kölling
Da sage noch einer, Wettbewerb zahle sich nicht aus: Vor zwei Jahren hat Deutschland Nippon, wörtlich das Reich der aufgehenden Sonne, als weltgrößten Solarmarkt abgelöst – auch dank dem Beginn rot-grüner Subventionspolitik und dem Ende der japanischen. Gleichzeitig schickte sich das Start-up Q-Cells an, die gemütlich satt und langsam gewordenen japanischen Weltmarktführer wie Sharp, Mitsubishi, Kyocera und Sanyo zu überflügeln – dank mutiger Expansionspolitik und gewiefter Finanzierung.
Verzweifelt lagen die Solarzellenhersteller aus Nippon daher in den vergangenen Jahren ihrer Regierung in den Ohren, doch endlich wieder etwas für den einheimischen Markt zu tun, damit Japan seinen technischen Vorsprung in dieser grünen Zukunftstechnik nicht verspiele. Nun endlich hat die Regierung sie erhört: Bis zum Jahr 2030 sollen 30 Prozent aller Hausdächer solarzellenbestückt sein, verrieten Beamte gegenüber der japanischen Wirtschaftszeitung Nikkei kurz vor dem Jahreswechsel ihre Strategie.
Damit würde die Zahl der Solarstrom produzierenden Häuser von derzeit 400.000 auf 14 Millionen explodieren und sich die Stromerzeugung auf eine bereitgestellte Leistung von 1,3 Millionen Kilowatt verdreißigfachen. Das stolze Ziel soll auch Eingang in das japanische Programm für innovative Technologien auf dem G8-Gipfel im Juli auf der nordjapanischen Insel Hokkaido finden. Dieses Programm ist ein Pfeiler des japanischen Klimaschutzplans "Cool Earth 50" (Video), mit dem die CO2-Emissionen bis 2050 halbiert werden sollen.
Doch die Chancen stehen leider schlecht, dass Öko-Strom in Japan wie derzeit in Europa einen starken amtlichen Kickstart erhält. Wie bisher will Japan auf den Spareifer seiner Bewohner setzen und unterstützt den Kauf von Anlagen, anstatt (wie durchaus erfolgreicher in Deutschland praktiziert) an das Gewinnstreben des Einzelnen zu appellieren und die Stromkonzerne zu hohen Abnahmepreisen zu zwingen. Außerdem soll ein Institut gegründet werden, an dem Experten aus aller Welt an einer preiswerten Solarzelle forschen. So will die Regierung die Kosten von Sonnenstrom im Planungszeitraum von derzeit 46 Yen pro Kilowatt auf sieben Yen und damit das Niveau von thermisch erzeugtem Strom senken.
Ein Kurswechsel in der Subventionspolitik wäre auch wirklich zu viel verlangt von den wirtschaftsfreundlichen Ministerien, würde sich die Beamten doch damit erstmals wirklich gegen die Atomlobby der Stromkonzerne wenden. Die hat bisher brav die offiziellen Atomstrompläne der Regierung unterstützt, nach denen der Anteil von Atomstrom von 30 auf 40 Prozent erhöht werden soll. Im Gegenzug durften die Konzerne sowohl die Einspeisung von häuslich erzeugtem Strom zu attraktiven Preisen als auch die Entstehung von Gemeinden mit elektrischer Selbstversorgung durch Biogasanlagen erfolgreich verhindern. (Die wenigen Biogasanlagen in Japan nutzen das Gas derzeit ökologisch wenig effizient nur zur Wärmegewinnung.) Schließlich würde so ja am faktischen Monopol der örtlichen Stromriesen und damit womöglich an den langfristigen Amortisierungsplänen ihrer teuren Atommeiler gerüttelt.
Was Japans Solarzellenhersteller von den Plänen denken, ist noch unbekannt. Aber sie verlassen sich ganz offensichtlich nicht mehr auf ihre Regierung und fangen wieder an, sich ein wenig zu beeilen. Weltmarktführer Sharp steckt 22 Milliarden Yen (137 Millionen Euro) in die Erweiterung einer Produktion von Dünnfilm-Solarzellen und 100 Milliarden Yen (622 Millionen Euro) in den Bau der bis dato größten Solarzellenfabrik. Der Industriekomplex mitsamt angeschlossenen Glassubstrat- und Filmherstellern soll 2009 die Produktion aufnehmen und in der Endausbaustufe eine jährliche Produktionskapazität von 1000 MW erreichen. (Derzeit beträgt Sharps Solarzellen-Kapazität 710 MW.) Und ganz sicherlich ist das Gros der Zellen dafür vorgesehen, mit dem Weltmarkt zu wachsen – folgt Japan dem Trend oder nicht. (wst)