Das Mail-Monster

E-Mail verändert unseren Alltag und bringt die Gruppendynamik in Organisationen durcheinander. Nun kann man Mails auch mit einer mechanischen Schreibmaschine verschicken.

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Von
  • Peter Glaser

An Leuten, die fortwährend checken, ob neue Mails angekommen sind, kann man die Symptome der Mail-Sucht erkennen. Mailkranke Mitarbeiter in Unternehmen – also: jeder – können nicht mehr konzentriert arbeiten. Werden sie nicht alle 30 Sekunden angemailt, befällt sie das deprimierende Gefühl, dass niemand sie lieb hat (oder ihnen ein bisschen Ablenkung in der Ödnis des Büroalltags verschafft). E-Mail ist die unangefochtene Königin der Anwendungen im Netz – und nicht nur da. Inzwischen kann man E-Mails sogar schon mit einer mechanischen Schreibmaschine verschicken.

Zwei Tüftler am Mailänder Interaction Design Institute, die Inderin Aparna Rao und der Schwede Mathias Dahlström, haben eine alte Olivetti-Schreibmaschine elektronisch tiefergelegt. Angesichts der fruchtlosen Versuche ihrer Mutter, sich der vernetzten Welt anzunähern und der Befürchtung, ohne E-Mail zunehmend vom sozialen Austausch ausgeschlossen zu sein, entschloss Tochter Rao sich, zu handeln. In Indien sind mechanische Schreibmaschinen nach wie vor weit verbreitet. Sie stehen auch auf den kleinen fliegenden Büros vor Ämtern und Behörden, wo Schreib- oder Formularunkundige sich mit ihrem Papierkram helfen lassen können.

Unter der Projektbezeichnung 22 Pop (das "Pop" steht für das verwendete Mail-Protokoll) rüsteten sie und Dahlström eine Olivetti Lettera 22-Schreibmaschine mit etwas Elektronik, ein paar Sensoren und einer Telefonverbindung so um, dass man damit wie gewohnt auf einem Blatt Papier tippen kann. Die Elektronik kann die getippte Anschrift und den übrigen Text erkennen und schickt, sobald das fertig beschriebene Blatt aus der Maschine gezogen wird, das ganze als E-Mail an den Adressaten.

Nicht nur in Indien sind Menschen, die sich dem Umgang mit moderner Kommunikationstechnik nicht ausreichend gewachsen fühlen, an dem Projekt sehr interessiert. Auch in Ivrea in der Nähe von Turin – der Stadt, in der 1908 die Firma Olivetti gegründet wurde und wo noch heute fast jeder eine Lettera 22 hat – waren die ersten Testnutzer der guten, alten erneuerten Schreibmaschine begeistert.

Ganz anders ist die Situation in modernen Unternehmen, in denen die Flut an E-Mails inzwischen zu einem lautlosen, reissenden Strom angeschwollen ist, der die an den Ufern befindliche Geschäftstätigkeit zu gefährden beginnt. Bei dem weltgrößte Chiphersteller Intel wurde versuchsweise ein E-Mail-freier Freitag eingeführt ("Zero-E-Mail-Friday"). Und Intel ist nicht die erste Organisation, die sich mit dem Problem auseinandersetzt, dass E-Mail sich zu einem ameisenartig störenden Phänomen entwickeln kann.

"Come together" heißt einer der Evergreens der Beatles, deren Karriere im englischen Liverpool ihren Anfang nahm – bereits im Sommer 2002 sahen sich die dortigen Stadtväter zu einem Update der freundlichen Aufforderung veranlaßt. Der damalige Stadtratsvorsitzende von Liverpool, David Henshaw, ordnete an, dass seine Beamten an einem Tag pro Woche keine internen E-Mails mehr verschicken dürfen, und zwar am Mittwoch.

Sie mussten wieder miteinander telefonieren oder sich treffen. Schon damals fand etwa 95 Prozent der internen Kommunikation per Mail statt und in der Verwaltung hatte sich der Eindruck verdichtet, dass nur ein geringer Teil der Botschaften produktiven BedĂĽrfnissen entsprang. Wie in der wirklichen Welt, so wogt auch im E-Mail-Universum vor allem ein Meer aus Witzen, Getratsch und Intrigen. Da E-Mail sich aber oft der ĂĽblichen sozialen Regulation in der nichtvirtuellen BĂĽrowelt entzieht, zeichnete sich fĂĽr die BĂĽroleiter die Gefahr galoppierenden Kontrollverlusts ab.

"Wir wollen verhindern, dass die Leute von der Technik zu sehr aufgesaugt werden", sagte Mr. Henshaw. "Ich denke, der Mittwochs-Mailstop ist eine kleine Erinnerung daran, worum es geht, wenn von Kontakt zwischen Menschen die Rede ist." (wst)