Volkssport "Mobile Networking"
Das Handy ersetzt immer mehr den PC beim sozialen Netzwerken im Internet und wird damit zur Schaltzentrale im verdrahteten Alltag. Zusehends wird den Japanern der Computer zur Last.
- Martin Kölling
Man könnte es den Mixi-Effekt nennen. In Japan hat sich jener erfolgreicher MySpace-Klon dem Handy geöffnet und damit das mobiles Massendating ins Leben gerufen. Seit August greift schon mehr als die Hälfte der inzwischen zwölf Millionen Mitglieder auf Japans führende Social Networking-Site per Handy zu, bloggt, tauscht sich aus und verabredet sich online. Und die Zahl der mobilen Nutzer steigt rasant weiter. Inzwischen haben die Unternehmen der Japan AG die Seite als Werbemedium erkannt. Im Dezember hat der Instant-Nudel-Hersteller Ace Cook auf zwei seiner neuen Produkte neben dem Firmen- auch Mixi-Logos. Der Grund: Das Unternehmen hatte die Mixi-Gemeinde über ihre Wünsche für Nudelsuppen befragt und dann nach deren Anregungen das Schnellgericht entwickelt. (Das sagt die Firma wenigstens.)
Die Entwicklung unterstreicht für mich eindeutig, dass das Mobiltelefon zumindest in Japan, aber wohl auch in Südkorea zu einem, wenn nicht dem Knotenpunkt im vernetzten Leben wird. Die kleinen Alleskönner, die inzwischen in Japan in aller Regel auch schon als Digitalfernseher dienen, gehören inzwischen zum ständigen Wegbegleiter fast aller Einwohner des Landes. Auf eine Bevölkerung von 127 Millionen Menschen kommen derzeit rund 85,6 Millionen internetfähige Handys. Und anders als in Europa nutzen fast alle dieser Geräte die neuen UMTS-Netze, die weit schneller Daten übertragen können als die alten GSM-Handys. Die Japaner nutzen daher schon heute gerne datenreiche Dienste.
Damit ist das Handy im Alltag vieler Menschen schon heute zur Schaltzentrale in der Handfläche geworden. Nachts im Bett checken sie kurz vor dem Einschlafen noch mal ihre Mail. Morgens lassen sie sich vom Handy wecken. Auf dem Weg zur Arbeit verdrängt das mobile Telefon Buch und Zeitung, denn die Menschen lesen Handy-Comics, Handy-Novellen oder sehen Videoclips, die über Nacht auf das Handy übertragen wurden. In Arbeitspausen schauen sie schon mal fern. Und durch die Stadt führt das Handy sie auch dank individueller Routenführung und detailierten dreidimensionalen Stadtplänen. Sogar einen größeren Teil des Aktienhandels wickeln die Japaner schon über ihre Handys ab.
Angelockt vom Boom springen die weltweiten Riesen auf Japans Handy-Zug auf. Der von Blogger.com-GrĂĽnder Evan Williams entwickelte Microblogging-Dienst Twitter entwickelt gerade dank einer Kapitalspritze eines japanischen Unternehmens ein auf Japan abgestimmtes Produkt. Die Partner wollen von Blog-Begeisterung der jungen Japaner nun auch im mobilen Internet profitieren. Eine Untersuchung von Technorati ergab, dass es 2006 mehr Blogs in japanischer als in englischer Sprache gab.
Auch die größte Werbeagentur des Landes, Dentsu, bezieht das Handy in ihre Marketingstrategie für die allumfassend vernetzte Welt ein. So schrieb einer der führenden Vordenker der Agentur, Ritsuya Ota, kürzlich: "Auch wenn die Verbraucher nun im Internet über ein einziges Medium Inhalte ansteuern und suchen könnten, hat dies für sie nur beschränkten Nutzen. Es ist bequemer für sie, einige Geräte gleichzeitig zu nutzen – sie verwenden beispielsweise simultan das Handy in der Hand, den PC auf dem Schreibtisch und den Fernseher im Zimmer."
Das Handy hat dabei gerade für die Jugend eine besonders hohe Bedeutung. In den Altersgruppen ab Ende 20 spielt der Computer noch die größere Rolle - zum Beispiel für den Email-Verkehr, zitiert Ota die aktuellen Verhaltensstudien. "Auf der anderen Seite fühlen sich Oberschüler und Studenten Handys derzeit näher und sehen sie als ihr spezialisiertes Gerät an, das sie unbedingt besitzen müssen." Das Erstaunliche: Verglichen mit dem Handy mutet Japans Jugend die Bedienung von Computern sogar schon lästig an. (wst)