Beware of the Tiger!

Man kann das indische Automodell "Tata nano" als Billigauto abtun. Tatsächlich ist es aber ein weiteres Beispiel für das bislang unterschätzte Innovationspotenzial Indiens. Wir sollten nicht immer nur gebannt auf China starren.

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Von
  • Niels Boeing

Groß war die Aufregung vergangene Woche, als der indische Konzern Tata auf der Automesse in Delhi den „Tata nano“ vorstellte: ein Auto für schlappe 1700 Euro! Kann das etwa ein vollwertiges Auto sein? In den hiesigen Medien beeilte man sich hervorzuheben, dass der Tata nano in der EU nie zugelassen würde, alle elektronischen und Sicherheitsextras fehlten. Spöttisch war auch vom „Bollywood-Wagen“ (FAZ) die Rede. Ist nicht Indien bisher nur das Callcenter und die Softwareklitsche der Welt gewesen, so wie China bis vor kurzem zuerst als Werkbank der Globalisierung gesehen wurde? Was passiert denn da?

Zwar wird Indien zusammen mit China regelmäßig als einer der beiden großen Zukunftsmärkte der Welt beschworen. Aber während man China inzwischen zutraut, die Weltwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten aufzumischen, erscheint Indien immer noch als chaotischer Riese zwischen Hightech und heiligen Kühen.

Sicher, den Tata nano kann man als typisches Produkt eines Schwellenlandes sehen, das sich gerade in der „Copycat-Phase“ befindet: Man baut erst mal das nach, was im Westen schon lange Standard ist. Aber damit unterschätzt man das kreative Potenzial indischer Ingenieure, Technikentwickler und Erfinder. Allein an US-amerikanischen Universitäten waren 2006 rund 80.000 indische Studenten eingeschrieben – gegenüber 60.000 chinesischen. In Indien selbst gibt es über 250 Universitäten, darunter die sieben renommierten Indian Institutes of Technology.

Ihre Fähigkeit zur Innovation haben indische Ingenieure bereits unter Beweis gestellt. Ein bekanntes Beispiel ist Hotmail. Der erste Webmailer der Internet-Geschichte – eine großartige Innovation – wurde 1996 von dem damals 28-jährigen Sabeer Bhatia ersonnen (gemeinsam mit Jack Smith). Bathia hat auch mit einer den Indern häufig nachgesagten Geschäftstüchtigkeit beeindruckt: Als Microsoft das mit 300.000 Euro Startkapital gegründete Unternehmen 1997 kaufen wollte, trieb er den Preis von 50 auf 400 Millionen hoch (schön nachzulesen in einem alten Wired-Artikel).

Ein anderes Beispiel ist der Simputer, ein Linux-basierter Handheld-Computer, der unter dem Namen „AmidaSimputer“ in Indien vertrieben wird. Anderthalb Jahre vor dem iPhone-Hype wartete das Gerät mit einem neuen Interface auf, das mit einem Bewegungssensor arbeitet. Dreht man es um 90 Grad, wird der Bildschirm vom Hoch- ins Querformat gekippt – ein Feature, für das Apple beim iPhone kräftig gelobt wurde. Dreht man das Handgelenk ruckartig, wird im angezeigten Dokument weitergeblättert, zieht man den Simputer schnell heran, zoomt die Ansicht ins Bild hinein.

Shekhar Borgaonkar hat mit ScriptMail ein System erdacht, das handschriftliche Nachrichten in den diversen Sprachen Indiens – viele davon mit eigener Schrift, für die es keine Tastaturen gibt – erstellen und versenden kann. Sein Startup Inabling Technologies wurde von Hewlett-Packard Indien gekauft und die Technologie am HP-Labor in Bangalore weiterentwickelt. Die Nachricht kann mit einem Kugelschreiber auf ein Blatt Papier geschrieben werden, das auf einem speziellen Pad liegt. Dieses digitalisiert dann das Schriftbild für das Nachrichtenfeld der Email.

Und während die One-Laptop-per-Child-Initiative um Nicholas Negroponte das ehrgeizige Ziel von 100 Dollar pro Gerät deutlich verfehlte, hat die indische Firma Novatium im September 2007 mit dem Nova PC einen Rechner herausgebracht, der für umgerechnet 100 Dollar – mit Flachbildschirm 200 Dollar – verkauft werden kann. Es ist zwar kein Laptop, setzt aber das seit langem als zukunftsträchtig gehandelte Konzept vom Network-Computer um, bei dem die Anwendungen nicht lokal auf dem Rechner laufen (der Haken ist allerdings, das monatliche Netzwerk-Abokosten von 10 Dollar anfallen).

Tata nano, Simputer, ScriptMail und Nova PC – zugegebenermaßen nicht alle gleich innovativ – haben etwas gemeinsam: Sie sind zuerst für den indischen Markt, für lokale Bedürfnisse entwickelt worden. Das schlägt sich nicht nur im Preis nieder, sondern auch darin, dass an die indischen Besonderheiten gedacht wird: eine aufstrebende Mittelklasse in den Städten, eine große ländliche Bevölkerung, die zum Teil keinen Zugang zu für uns selbstverständlichen Infrastrukturen hat, aber auch eine Vielfalt an Sprachen und ein immer noch hoher Anteil von Analphabeten (die etwa den Simputer mit Einschränkungen ebenfalls nutzen können).

Während schon diese Produkte nicht immer große internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen, entgehen die vielen Graswurzel-Innovationen der ländlichen Bevölkerung den Weltmarktbeobachtern ganz. Arindam Banerj hat 2004 auf rediff.com einige aufgelistet. Darunter sind behelfsmäßige Traktoren, Melkmaschinen oder mit Sonnenenergie betriebene Trinkwasseraufbereiter.

Banerj argwöhnt zwar, dass sich diese Innovationen nur schwer in andere Länder exportieren lassen. Andererseits ist Indien damit womöglich sogar besser auf neue Märkte in der „Dritten Welt“ vorbereitet, die ebenfalls eher einfache Technologien brauchen als etwa eine flächendeckende IT-Infrastruktur (die sie ohnehin nicht bezahlen können). Und auch ein Lowtech-Wagen wie der Tata nano könnte dort ein Erfolg werden, wenn man wie der umtriebige Auto-Experte Gerd Dudenhöffer davon ausgeht, dass Kleinwagen in Schwellen- und Entwicklungsländern das am stärksten wachsende Segmen im globalen Automarkt werden.

Indische Forscher und Unternehmer äußern sich dennoch immer wieder sehr selbstkritisch über die Innovationsfähigkeit ihres Landes. Schlechte Enerige- und Verkehrsinfrastrukturen, ein ineffizientes Bildungssystem, das immer noch viel zu wenig Ingenieure über Undergraduate-Level hervorbringt, eine risikoscheue Mentalität in der Gesellschaft werden als Gründe angeführt, weshalb Indien noch viel zu wenig innovativ sei.

Für Bernard Lunn, ein Mitgründer des Indien ansässigen Computer-Dienstleisters iYogi, hat Indien in den vergangenen zehn Jahren allerdings große Fortschritte gemacht. Von den fünf „Assen“, die die USA zur innovativsten Volkswirtschaft der Welt gemacht hätten, habe Indien inzwischen mindestens drei im Ärmel: großer Inlandsmarkt (die indische Mittelschicht wird auf 250 Millionen Menschen geschätzt), eine zuverlässige und bezahlbare Telekommunikationsinfrastruktur und eine gut entwickelte Venture-Capital-Szene. Der Zugang zu „geistigem Kapital“ sei ebenfalls kaum noch ein Problem. Einzig eine echte Innovationskultur hat sich laut Lunn noch immer nicht entwickelt.

Seit längerem wird darüber debattiert, welcher Wirtschaftsraum diesem Jahrhundert seinen Stempel aufdrücken wird. Dass China 2030 in absoluten Zahlen die größte Wirtschaftsmacht sein wird, bezweifelt niemand. Ob es ein Modell für andere Weltregionen sein kann, ist dagegen fraglich. Indien, nebenbei die größte Demokratie der Welt, hat meines Erachtens eher das Zeug dazu. Manche Beobachter glauben gar, dass es am Ende China noch überrunden wird. Beware of the tiger: Er wird uns noch überraschen. (wst)