Viel Lärm um wenig Fakten

Intensive Handynutzung soll Schlafstörungen und Kopfschmerzen verursachen. Die Daten liefern aber keine handfesten Beweise.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

„Studie beweist: Handystrahlen stören Schlaf“, titelte die BILD vorgestern. Schwedische und US-amerikanische Forscher sollen in einer Studie im PIERS-Online-Magazin (Progress in Electromagnetics Research Symposium) gezeigt haben, dass lange Handy-Nutzungszeiten am Abend Menschen am Einschlafen hindern und sie schlecht schlafen lassen. Weil sich das Thema immer gut verkaufen lässt, zogen viele Nachrichten-Webseiten nach und widmeten der Studie wenigstens eine kurze Meldung. Doch nicht alle hatten sich die Studie genau angeschaut. Die Frage lautet, haben es die Leser gemerkt? Je nach Artikel wohl kaum – und das gilt auch für namhafte Tageszeitungen – aber zum Glück gab es auch sorgfältigere Kollegen.

Die Forscher hatten 71 Probanden in drei Abendsitzungen für jeweils drei Stunden mit Hilfe eines Gestells einen Handysender ans Ohr gehalten – eine zum Eingewöhnen, zwei wurden ausgewertet. Durch die Doppelblind-Anordnung der Tests wussten dabei weder die Teilnehmer noch die Forscher, wer tatsächlich der Strahlung eines angeschalteten Mobiltelefons ausgesetzt war und wer nur neben einer Attrappe gesessen hatte. Während der Sitzungen mussten die Probanden Aufgaben lösen und sollten über jedwede gefühlte Beeinträchtigung wie Kopfschmerzen oder Konzentrationsschwierigkeiten berichten.

Nach den Sitzungen zeichneten die Forscher ihre elektromagnetische Gehirnaktivität (EEG) auf und beobachteten ihr Schlafverhalten. Laut den Ergebnissen erreichten die Testpersonen, die neben einem funktionierenden Handy gesessen hatten, die erste Tiefschlafphase sechs Minuten später als die Probanden mit der Attrappe und verbrachten acht Minuten weniger Zeit in ihr. Die Handy-Probanden klagten zudem häufiger über Kopfschmerzen.

Ein paar Fragen auf die Schnelle, die für mich nach dem Lesen der Veröffentlichung dabei offen bleiben:

  • Was heiĂźt, die Probanden aus der Handy-Gruppe hatten häufiger Kopfschmerzen? (Es gibt weder Zahlen noch Angaben dazu, ob dieses Ergebnis signifikant ist)
  • Wo bleibt der Vergleich zum Einfluss anderer Faktoren auf die Einschlafzeit? (Ich kann mir vorstellen, dass das je nach MĂĽdigkeit, Arbeits- oder privatem Stress nicht nur ähnlich stark schwankt, sondern auch ähnliche Werte wie in der Handy-Studie annehmen oder diese Werte zumindest stark beeinflussen können. Dies wurde von Experten auch bemängelt.)
  • Warum mussten die Probanden in ein unbequemes Gestell eingespannt drei Stunden sitzen? (Auch wenn sie den Kopf dabei bewegen konnten, dĂĽrfte sich der Einfluss auf verspannte Muskeln nicht ganz ausschlieĂźen lassen.)
  • Warum haben sie die Wissenschaftler die Studie vom Mobile Manufacturers Forum sponsern lassen? Immerhin haben sie die fĂĽr den Auftraggeber vermeintlich ungĂĽnstigen Ergebnisse veröffentlicht – auch wenn sie mit ihm (und ĂĽbrigens einer ganzen Reihe von Experten) ĂĽbereinstimmen, dass die Ergebnisse noch keine klinische Beweiskraft hätten.
  • Wieso tauchen die Ergebnisse, die die Autoren schon einmal im März letzten Jahres in einem Konferenzband veröffentlicht hatten, jetzt noch mal auf?

Die Welt der Nachrichten ist oft – im doppelten Sinn – eine ungeheuer schnelllebige. Nicht nur jagt ein Geschehnis oder wissenschaftliches Ergebnis das andere, als Journalist man muss auch schneller sein als die Kollegen, wenn man etwas auf sich – und auf die Wertschätzung des Chefs – hält. Dass sich die Zeitknappheit zuweilen rächt, ist dabei zwangsläufig. Dennoch entscheidet die Tatsache, ob man sich die Zeit trotzdem nimmt, um beispielsweise in die betreffende Studie zu schauen, über den Unterschied von Qualitätsjournalismus gegenüber Übertreibung im besten Fall und Panikmache im schlimmsten. (wst)