Quatsch mit Source

Die Kräfte, die zur Produktion von digitalem Nonsens höherer Art führen, werden gern unterschätzt. Dabei sind sie Ausdruck unbezähmbarer Freiheit.

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Von
  • Peter Glaser

Ein etwas zerknitterter, im übrigen freundlicher Mann hält eine Grafikkarte, auf der ein großer Lüfter sitzt, in die Kamera. Er dreht sie hin und her wie ein Zauberer seinen Zylinder, ehe er Menschen, Tiere, Abstraktionen daraus hervorholt. Auf seinem T-Shirt steht "Hardware Upgrade". Dann legt sich der Mann, ein gewisser Alessandro Bordin, die Grafikkarte auf den Schoß und beginnt an den Metallschäufelchen des Lüfters zu zupfen wie an einer Zither. Er spielt, auf umwerfende Art virtuos, ein kleines Lied.

Würde eine künstlich intelligente Maschine auf so eine Idee kommen? Niemals. Das hat mit Intelligenz sozusagen nur auf quantenmechanische Weise zu tun. Intelligenz hilft einem zwar dabei, die leise Ironie des Ganzen zu genießen, aber das ist ein Mehrwert. Es funktioniert auch ohne Ironie. Signore Bordin ist in bester Absicht. Er spielt ein kleines, metallisches Lied auf dem Lüfter seiner Grafikkarte, und das Kommentarfeld zu dem kleinen Filmchen quillt über vor begeisterten Reaktionen von Zuhörern und -sehern. Die Leute sind hingerissen. Es ist rührend, nett und originell. Vor allem: Es ist kompletter Unsinn.

"Man muss als Mann den Ernst wiederfinden, den man als Kind beim Spielen hatte" – diesen Satz des Philosophen Friedrich Nietzsche könnte man als Wappenspruch über die Geschichte der Technik schreiben. Immer wieder kann man erstaunt beobachten, wie immense Kreativität freigesetzt wird, um Zweckfreies hervorzubringen. Besonders auffällig ist das am Computer, einer Maschine, die scheinbar nur so strotzt vor Effektivität. Schon in der PC-Frühzeit haben Programmierer das Äußerste an Findigkeit aufgeboten, um qualitativ höchstwertigen Quatsch zu machen.

So gab es für den Commodore C-64 – das Trichtergrammofon unter den Mikrocomputern – ein Progrämmchen für den Floppycontroler, mit dem sich die rote LED an der Diskettenstation stufenlos dimmen ließ. Ein anderes Software-Kunstwerk ermöglichte es, durch Variationen des Trafosummens und des Schreib-Leserkopf-Schrittmotorgeräuschs den Radetzkymarsch zu spielen. Das auf dem Lüfteraluminium geschrammelte Musikstückchen steht also in einer ehrenwerten Tradition.

Wird der Mensch solch absurder Akrobatik ansichtig, erfüllt ihn eine große, kindliche Freude. In vielen Programmen sind Easter Eggs versteckt. In den verborgene Phänomenchen haben die Schöpfer der Software kleine, brillante Augenzwinkerer hinterlassen. Wer sich etwa in den Achtzigerjahren die Mühe machte und den Code des Atari ST-Betriebssystem TOS durchlas, der konnte in einer Kommentarzeile auf eine Liebeserklärung eines der Programmierer an seine Freundin stoßen.

Ein wesentlicher Teil des Vergnügens an dieser Art der elektronischen Eleganz liegt darin, dass es sich um einen Ausdruck von Souveränität handelt. Wir spüren darin auf angenehme Weise, wie man sich über die vermeintlich strengste Ernsthaftigkeit der Hightech-Maschinerie vergnügt hinwegsetzen kann. Oder anders gesagt: Wir sehen, was den Menschen unverwechselbar macht. Niemals wird eine Maschine jene Mischung aus zarter Nervigkeit und warmer Quietschvergnüglichkeit entwickeln können, wie sie etwa einer der Urahnen der – heute zumeist destruktiven – Virusprogramme an den Tag legte. Das sogenannte "Cookie Monster"-Virus hielt den Rechner an, auf dem Bildschirm erschien sodann die Aufforderung "Ich will ein Keks". Erst wenn man brav K-E-K-S eingetippt hatte, ging es wieder weiter. Ab und zu wollte der digitale Eindringling dann wieder "ein Keks".

Eine ganze Subkultur – die Demo-Szene – entstand um solche Fertigkeiten. Anhand wunderbar sinnloser Spielereien stellte sie ein ums andere Mal unter Beweis, dass all das, wovon man gedacht hatte, dass es am Rechner gar nicht geht, sehr wohl machbar ist. Versucht man diese Leichtigkeit aber einzufangen und in den Dienst der Effektivität zu stellen, verflüchtigt sie sich meist. Natürlich sind derlei Wow-Effekte immer auch Visitenkarten der Könner, die sie produzieren. Aber das wirklich Schöne am Unsinn ist seine unbezähmbare Freiheit. (wst)