Blog-Oscar fĂĽr Japan
Warum sind die Japaner die begeistertsten Internet-Schreiber der Welt? Eine Annäherung an ein für Auswärtige fremdes Universum, das jetzt durch die Einführung eines Blog-Oscars um eine neue Dimension erweitert wurde.
- Martin Kölling
Dass die Japaner die führende Blogger-Nation sind, hat sich bereits weitgehend herumgesprochen. Doch eine Analyse der Blogosphäre durch die traditionsreiche Wirtschaftszeitung Nikkei zeigte nun, wie sehr das virtuelle Mitteilungsbedürfnis inzwischen tatsächlich die Massen in dem Land ergriffen hat: 13,54 Millionen Teilnehmer zählte das Blatt bei Nippons 14 führenden Blog-Seiten-Anbietern, sprich ein Zehntel der Bevölkerung. Und die Blogger vermehren sich rasant. Allein im vergangenen Jahr explodierte ihre Zahl um 50 Prozent, während die traditionellen Medien sich dem Internet weiterhin weitgehend verweigern und in der Web-Nutzung Publikationen in Europa und den USA um Lichtjahre hinterherhinken.
Der tiefere Grund für den Boom der Blogs ist weniger die japanische Technikaffinität an sich. Vielmehr verstärken die Möglichkeiten des Internets nur einen uralten kulturellen Charakterzug der fernöstlichen Inselnation: den unersättlichen Drang, miteinander zu kommunizieren, Informationen auszutauschen und so eine Art Gruppenmeinung zu erzeugen. Dies drückte sich schon vor Hunderten von Jahren in der Popularität von gedruckten Rankings für Restaurants oder Tanzdamen aus. Heute füllt die Ranking-Literatur Regale in Buchläden. Alles wird gerankt, von Kindergärten über Schulen, heiße Bäder, japanische Ramen-Nudelrestaurants, Universitäten bis hin zu aktuell populären Selbstmordmethoden. Auch im Geschäftsalltag schlägt sich die Wissbegierde nieder. Westliche Kaufleute irritiert noch immer, wie viele Details die japanischen Zulassungsbehörden und Kunden erfahren wollen, bevor sie ein Produkt zulassen oder die Kaufentscheidung fällen.
In den Zeiten des Internets müssen nun nicht mehr Institute und Verlagshäuser die kollektive Weisheit synthetisieren – die Menschen können sich selbst äußern. Dabei verwendet die Mehrheit bereits das Handy als Zugang. Inzwischen nutzt die Industrie den kulturellen Hang zum Plappern gewinnbringend für sich. Der Dienst @cosme, der vor einem Jahr bei einem Feldversuch für das "Kaufhaus der Zukunft" debütierte, kombiniert Bewertungen von Kundinnen und Blogs mit Kosmetikreklamespots, die in ihrer Gesamtheit sowohl über das Internet als auch über Terminals in den Kaufhäusern eingesehen werden können. Die Rankings sind beliebt und produzieren manchmal lustige Hypes.
Voriges Jahr fand sich plötzlich ein Haarwuchsshampoo für Männer an der Spitze der Hitliste. Denn auch Frauen meinten, dass sich ihre Haarpracht nach der Anwendung des Mittels für die Herren der Schöpfung voller anfühlte. Neben der "Social Networking"-Site Mixi versucht die Internetfirma CyberAgent ihre Blogseite Ameba zum Internet-Riesen auszubauen. Dazu lässt das Unternehmen Fernseh-, Fußball- und Baseballstars ihr Leben mit dem Volk teilen – und zwar munter drauflos. Das verschafft immerhin schon 2,5 Milliarden Klicks pro Monat, aber derzeit noch keinen Gewinn. Der soll erst ab drei Milliarden Klicks richtig sprudeln.
Gleichzeitig boomen auch die Navigationsdienste für die wuchernde Blogosphäre. Einen guten Überblick für Starter verschafft Blogmura (auf deutsch "Blogdorf"). Die Seite kategorisiert hunderttausende japanischer Blogs. Unter Leben im Ausland findet man sogar 91 Ansichten über Deutschland – natürlich in Form einer Rangliste.
Darüber hinaus gibt es ein Blogranking mit dem einfallsreichen Namen Blogranking. Diese Seite wird laut einer Statistik 20 Mal so oft wie Nippons größte Suchmaschine Yahoo! Japan zur Suche nach Meinungsschnipseln angesteuert. Die Top-10 – Stand Anfang der Woche – werden auf den Plätzen 1 bis 8 dominiert von Blogs über "Tarento" ("Talent" – promotete junge, knackige Frauen und Männer, die im Fernsehen auftreten) und "Aidoru" (Idole: meist junge Frauen, die sich in knappen Schuluniformen oder Bikinis ablichten lassen). Auf Platz 9 gibt's sexy Bildchen von Stars und Starlets. Auf Platz 10 rangiert eine Seite über Chihuahuas und Katzen. Offensichtlich ist politisch derzeit nicht viel los. Denn wenn der Volkszorn Wellen schlägt, schwappen regelmäßig auch Politikblogs in die Spitzengruppe. Natürlich können sich die Besucher auch Rankings in den einzelnen Kategorien anschauen.
Im auf der Zählung von Links basierenden Ranking der japanischen Niederlassung des Blog-Marktforschers Technorati wiederum stehen Tech-Blogs ganz oben – wie Gigazine oder die japanischsprachigen Ausgaben internationaler Hits wie Gizmodo und Engadget. Danach folgen zwei Blogs für Otaku, leicht verschrobene Geeks mit Vorliebe für Maid-Cafes, in denen junge Frauen in knappen Kostümchen Kaffee, Kuchen und Konversationen verkaufen. Auf Platz 12 findet sich wiederum ein satirischer Blog über Leonardi da Vinci (auf Italienisch und Japanisch).
Kurz zusammengefasst: Japans Blogosphäre wird derzeit dominiert von Klatsch, Tratsch, Hightech-Gadgets und verschrobenen Gesellen. Doch den Blogseiten-Anbietern ist es nicht genug, dass Japan die globale Hitliste nur quantitativ anführt. Sie haben sich zusammengeschlossen, um nun auch die Qualität der Blogs auf Weltniveau zu heben. Am 5. März werden sie deshalb erstmals einen Blog-Oscar vergeben, den "Japan Blog Award". Dann werden die Angebote in Japans Öffentlichkeit vielleicht endlich zu dem, was sie im Westen schon sind: ein anerkannter Teil der modernen Medienlandschaft. (wst)