Technischer Barock vs. schlichte Eleganz
Forscher aus den USA und Rumänien haben in einer Simulation die Vorteile eines total vernetzten Straßenverkehrs durchgerechnet. Auf der Höhe der Zeit ist was anderes.
- Niels Boeing
Wer mindestens gelegentlich mit dem Auto fahren muss, ist wahrscheinlich mit keiner Großstadt zufrieden. Ich persönlich halte Hamburg für die Stadt mit den dümmsten Ampelschaltungen der Republik, wenn selbst auf vielbefahrenen Straßen die eine Ampel auf grün schaltet und die nächste, 100 Meter weiter, Sekunden später auf rot. Anders als etwa im Rhein-Main-Gebiet habe ich in der Hansestadt bis heute keine Bodenkontaktplatten entdecken können, die nachts Ampeln je nach Bedarf schalten.
Dabei ist die Autodichte in Hamburg alles in allem noch erträglich, es gibt weitaus verstopftere Städte, in denen sich wirklich „Blechlawinen“ vorwärts quälen.
Wie der New Scientist berichtet, wollen Forscher aus den USA und Rumänien in einer Simulation eine Lösung – die wievielte eigentlich? – für dieses Problem gefunden haben. In der Modellrechnung funkte jedes Auto in der Umgebung einer viel befahrenen Kreuzung in Bukarest permanent Daten über den eigenen Ort und die momentane Geschwindigkeit an die Leitstelle, die daraus die passenden Ampelschaltungen berechnete, um den Verkehr möglichst flüssig zu machen. Dabei vergaßen die Forscher nicht darauf hinzuweisen, dass mit einem derart optimierten System der CO2-Ausstoß rund um die Kreuzung um 6,5 Prozent sinken könnte.
Dieses Konzept wird schon seit Jahren als Lösung für alles Mögliche gepriesen: Einfach jedes Objekt parametrisieren, in einen Sender verwandeln, auf die grundgütige Steuer-IT vertrauen – und alles wird besser. Dass sich damit hübsche neue Überwachungsmöglichkeiten ergeben, ist wohl eine unerhebliche Nebenwirkung. Hauptsache, man denkt das Paradigma der totalen Vernetzung konsequent weiter.
Im Vergleich dazu wirkt das „Shared Space“-Konzept des im Januar verstorbenen niederländischen Verkehrsplaners Hans Monderman erst einmal antiquiert: Er empfahl, einfach auf Ampeln, Verkehrsschilder und sogar Bordsteinkanten zu verzichten. Wie Modellversuche in verschiedenen Gemeinden und Kleinstädten seit den achtziger Jahren zeigten, setzte sich mitnichten das Faustrecht (oder eher: Gaspedalrecht) der dicksten Schlitten durch. Inzwischen ist aus „Shared Space“ ein EU-Projekt geworden.
Monderman ging es zwar zuerst um Verkehrssicherheit und nicht um einen höheren Durchsatz. Interessant ist aber, dass er auf Selbstorganisation statt Vernetzung mittels Sensorik setzte. Denn im Prinzip ist jeder Verkehrsteilnehmer bereits seine eigene Sensoreinheit. Die funktioniert offenbar dann besser, wenn sie nicht durch ausgeklügelte Verkehrsleitsysteme eingelullt wird.
Ein kleiner Gedankensprung: Vergangene Woche berichtete Spiegel Online über eine Modell-Ökostadt in der Nähe von Abu Dhabi, die sich die Scheichs 22 Milliarden Dollar kosten lassen. Teil des Konzepts ist eine Innenstadt, in der es nicht nur keinen Individualverkehr geben soll. Die Planer fanden auch, die energetisch günstigste Stadtanlage seien enge Straßen mit dichter, niedriger Bebauung – dadurch entsteht viel Schatten, der die Temperatur in der Stadt beträchtlich senkt. Das entspricht nun aber genau der typischen Bauweise arabischer Altstädte seit Jahrhunderten, die eben an die lokalen klimatischen Bedingungen angepasst war.
Monderman und den Planern von „Masdar City“ gemeinsam ist die Besinnung auf eine heute als „retro“ empfundene Einfachheit der Lösung. In der Mathematik gelten einfache Beweisführungen seit jeher als besonders elegant. Das Verkehrsnetz des amerikanisch-rumänischen Forschungsteams ist nicht elegant, sondern (teurer) technischer Barock im Geiste angestaubter Sciencefiction-Klassiker.
Womit wir wieder bei meiner Frage von vergangener Woche sind: Was ist eine ausgereifte technische Lösung?
Anstatt jedes aufregend blinkende Klötzchen in die Hand zu nehmen und zu schauen, was man daraus noch alles bauen könnte, könnten sich Infrastrukturplaner und Technikentwickler ja auch überlegen, mit welchen Klötzchen sich ein bestimmtes Problem am elegantesten lösen lässt. Aus abgefahrenen Gelenkbausteinen allein konnte man schon beim Lego nie ein vernünftiges Haus, Auto oder Schiff bauen – aus den "langweiligen" Grundbausteinen schon. Warum sollte das im echten Leben anders sein? (wst)