Nippons Weltraumträume

Darauf hat die Welt nicht unbedingt gewartet: Japans kommerzielles Raketenprogramm steht vor dem Take-off. Wirtschaftlich sinnvoll ist das angesichts des bereits groĂźen Angebots an Satellitentransporteuren nicht.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Martin Kölling

Anfang der Woche lösten hoch fliegende Weltraumträume in Japan einen irdischen Höhenflug am Aktienmarkt aus. Nachdem die Wirtschaftszeitung Nikkei gemeldet hatte, dass der Schwerindustriekonzern Mitsubishi Heavy in konkreten Verhandlungen über den ersten kommerziellen Transport eines Satelliten ins All sei, schoss die Aktie des Unternehmens um 7,5 Prozent in die Höhe. "Das Vertrauen in die Technik der H-IIA-Rakete hat sich verbessert", jubelte Firmenboss Kazuo Tsukuda in dem Interview. Die Rakete sei nun ein global wettbewerbsfähiges Produkt geworden, der Take-off für 2009 geplant.

Erleichterung bei den Aktionären. Denn über Jahrzehnte machten die japanischen Raketen Experten wie Anlegern mit diversen verpatzten Starts Angst. Man befürchtete, dass die ambitionierten Weltraumpläne des Landes niemals die Erdanziehungskraft überwinden würden. Betriebswirtschaftlich ist der Applaus der Märkte allerdings nicht zu erklären. Denn um den beschränkten Markt für kommerziellen Satelliten balgen sich bereits die USA, Europa, Russland und China. Mitsubishi Heavy als Anführer des japanischen Raketenkonsortiums muss daher versuchen, die Konkurrenz Gewinn schmälernd zu unterbieten. Um so größer wiegt der psychologische Faktor: Endlich ist die Schmach von der japanischen Seele getilgt, dass die führende Hightech-Nation der Welt kein zuverlässiges Weltraumtransportmittel zu bauen vermag. Japan ist Weltspitze – auch im All.

Die Bedeutung dieser Nachricht für Japans Wirtschaftsstrategie ist nicht zu unterschätzen. Die Regierung fördert derzeit im Rahmen der "New Industry Promotion Strategy" verschiedene Industriezweige, die in einigen Jahrzehnten das Rückgrat der japanischen Wirtschaft bilden sollen. Neben Robotern und Atomkraftwerken, bei denen Japan bereits zur Weltspitze gehört, stehen auch die aus japanischer Sicht unerschlossenen Weiten des Weltalls und des zivilen Flugzeugbaus auf der Wunschliste.

Die Leere des Alls bietet dabei natürlich die größten Expansionsmöglichkeiten für Nippons Großmachtsträume. Detailliert sind sie nachzulesen in der Vision der japanischen Weltraumbehörde Jaxa mit dem Namen "Jaxa 2025". Zu was die Nation schon in der Lage ist, zeigen derzeit die Kometensonde "Hayabusa", die Mondsonde "Kaguya" (das größte Mondprogramm seit den amerikanischen Apollo-Missionen) und "Kibo", das japanische Forschungsmodul für die internationale Raumstation ISS. Die Jaxa malt daher gerne stolz Japaner auf dem Mond, ein eigenes Space Shuttle und als Nahziel ein Überschallflugzeug in ihre Broschüren. Der Concorde-Neubau soll die Flugzeit über den Pazifik von derzeit rund zwölf auf erstmal fünf und später nur noch zwei Stunden verkürzen.

Das Problem ist nur, dass Japans Luftfahrtindustrie zwar diverse Hightechbauteile für Boeing und Airbus zuliefert, aber seit dem zweiten Weltkrieg keinen größeren, eigenen Passagierflieger gebaut hat, geschweige denn einen Jet. Mit den erklärten Absichten Chinas, in den kommerziellen Flugzeugbau vorzustoßen, sehen die Wirtschaftsplaner nun sogar die bescheidene Rolle als Zulieferer in Gefahr.

In die Bresche springt zum Wohle der Nation auch dieses Mal das fahnentreue Unternehmen Mitsubishi Heavy – mit dem Bau eines eigenen mittelgroßen Passagierjets. Der Düsenflieger soll 2012 abheben und natürlich die Konkurrenz im Spritverbrauch schlagen. Mitsubishi-Chef Tsukuda betonte voriges Jahr die wirtschaftsstrategische Bedeutung des betriebswirtschaftlich waghalsigen Abenteuers in einem Interview mit der Zeitung Nikkei wie folgt: "Weil Japans Wettbewerbsvorteil als Hauptzulieferer mit Sicherheit erodieren wird, wenn China seine Präsenz in dem Sektor steigert, ist es wichtig für uns, die Fähigkeit zu haben, selbst ein Flugzeug herzustellen und es dem Rest der Welt zu verkaufen."

Koste es, was es wolle. Der Staat hilft ja. So wollen die Wirtschaftsplaner in den Ministerien die staatlichen Forschungsausgaben fĂĽr das zivile Flugzeugprogramm im Haushaltsjahr 2008 auf 20,8 Milliarden Yen (130 Millionen Euro) vervierfachen. Ganz klar: Japan wird sich nicht erlauben, ein Feld auf der Landkarte der Zukunftstechnologien unbesetzt zu lassen. (wst)