Wettkampf der Energie-Dinosaurier
In Japan wetteifern die Öl- und Stromgiganten unter wohlwollender Begleitung durch den Staat bei der Entwicklung umweltfreundlicher Energien – um sich gegenseitig das Wasser abzugraben.
- Martin Kölling
Auf den ersten Blick erscheint es widersinnig: Aber in Japan könnten ausgerechnet die Dinosaurier aus dem Zeitalter fossiler Brennstoffe, die Öl- und Stromgiganten, emissionsarmen Brennstoffzellen für den Hausgebrauch und Fahrzeugen mit Elektromotor zum Durchbruch verhelfen. Der Grund: Sie versuchen derzeit, sich im Namen der Umwelt gegenseitig die Kunden auszuspannen.
So wird die größte Ölfirma des Landes, Nippon Oil, am 1. April de facto das Brennstoffzellengeschäft des Elektronikherstellers Sanyo übernehmen und damit den ersten Brennstoffzellenhersteller Japans bilden, der von der Entwicklung über die Produktion bis hin zum Verkauf alle Teile des Geschäfts abdeckt. Der Vorstoß in die (vermeintlich) umweltfreundlichere dezentrale Stromproduktion ist allerdings nicht selbstlos: Vielmehr will der Konzern den Verkauf von Brennstoffzellen und Sonnenstrommodulen pushen, um den sinkenden Absatz bei den Öl- und Gasprodukten durch die Erschließung neuer Märkte auszugleichen. Schließlich wird der notwendige Wasserstoff für Brennstoffzellen bisher aus flüssigen und flüchtigen Brennstoffen abgespalten, die Nippon Oil liefert.
Der Anlass für den Vorstoß sind Japans Stromversorger. Die werben seit Jahren aggressiv dafür, die bisher noch gebräuchlichen heimischen Kerosin- oder Gasöfen (die – schauderhaft – heiße Luft und Abgase in die Wohnungen abgegeben, da sie in aller Regel nicht an einen Schornstein angeschlossen sind, weil es traditionell in Japans Heimen weder Schornsteine noch Wohnungsheizungen gibt) durch Heizschlangen oder Klimaanlagen mit Heizfunktion zu ersetzen. Oder Gas- durch E-Herde. Kein Wunder, dass der Absatz von Öl- und Propangas sinkt.
Nun stoßen die Stromproduzenten sogar noch ins Kerngeschäft der Ölfirmen vor. Tokios Stromversorger Tepco, der etwa so viel Strom produziert wie Italien verbraucht, fördert Autohersteller wie Mitsubishi Motors aktiv bei der Entwicklung von Elektroautos. Damit verspricht der Energiekonzern den Japanern kohlendioxidemissionsarme Mobilität, weil ja ein wachsender Teil des Stroms aus Atomkraftwerken stammen soll. Und für sich selbst hofft der Konzern auf fette Gewinne – auf Kosten der Öllieferanten.
Die Regierung schaut dem Kampf der Giganten wohlwollend zu, denn er passt in die amtliche Strategie. Die Wirtschaftsplaner wollen nämlich ihr Land darauf trimmen, sowohl in der Wasserstoffwirtschaft als auch in der Atomenergie die globale technologische Führung zu übernehmen. Der Atomstromanteil soll von bereits 30 auf 40 Prozent gesteigert werden. Und damit machen E-Autos – wenn man sich Scheuklappen aufsetzt und sich allein auf den Aspekt der geringen Kohlendioxid-Emission von Atomkraftwerken beschränkt – klimapolitisch Sinn. Die Taktik der Japaner ähnelt der in der Robotertechnik: Mit dem frühen und anfangs noch verlustreichen Einstieg in die Vermarktung in Japan forschen und entwickeln die Unternehmen mehr, gewinnen technisches Know-how im Masseneinsatz, und sichern sich so vielleicht Wettbewerbsvorteile auf dem Weltmarkt.
Im Energiesektor zahlt sich das Vorgehen bisher aus. Inzwischen werden schon rund tausend Brennstoffzellen pro Jahr als Strom- und Wärmegeneratoren für private Häuser installiert. Richtig heiß könnte der Absatz ab diesem Sommer laufen, wenn der größte Fertighaushersteller der Nation, Sekusui House (rund 60.000 Eigenheime jährlich), beginnt, seine neue Öko-Haus-Modelllinie mit dem heimischen Wasserstoffkraftwerk anzubieten. Über zehn Jahre muss ein Eigenheimbesitzer das Kraftwerk für 100.000 Yen im Jahr leasen. Und Mitsubishi Motors hat bereits angekündigt, 2009 sein erstes Elektroauto auf den Markt zu bringen. Nissan will kurz darauf folgen.
Die Pioniere der Industrie wetten dabei auf die Zukunft. Denn wirtschaftlich Sinn machen derzeit wahrscheinlich weder Brennstoffzellen noch Elektroautos. Laut der Wirtschaftszeitung Nikkei kostet eine Brennstoffzelle aus dem Hause Nippon Oil trotz Preishalblierung noch immer vier Millionen Yen, während Sekisui House-Kunden über zehn Jahre nur 1,2 Millionen Yen Leasinggebühren zahlen müssen. Auch bei Elektroautos sind die Batterien noch zu teuer, um die Vehikel in Massen verkaufen zu müssen. Die Autohersteller – sagt Renault- und Nissan-Chef Carlos Ghosn – müssten daher einen Weg finden, dass die Menschen das Auto besitzen, nicht aber die Batterie.
Und ökologisch? So wunderbar Wasserstoff verheißt, bei der Stromherstellung nur Wasser als Abgas zu produzieren, so dreckig ist die Technik tatsächlich derzeit noch. Denn der Brennstoff wird in Japan wegen der ungelösten Probleme bei Herstellung und Lagerung noch aus Erd- oder verflüssigtem Propangas gewonnen. Und dabei fällt natürlich Kohlendioxid an. Doch die Hersteller beschwören, dass die Menge 30 Prozent unter der eines Kohlekraftwerks läge. Die Umweltfreundlichkeit des Atomstroms für Elektroautos leidet weiterhin darunter, dass bei seiner Produktion radioaktiver Müll anfällt und niemand in Japan so richtig weiß, wo das strahlende Gut endgelagert werden soll.
Immerhin gibt es in Japan einige wenige Unternehmen, die sich grundsätzliche Gedanken machen, wie eine emissionsarme und ökologisch nachhaltige Erzeugung von Strom und Wasserstoff künftig aussehen kann. Vorreiter ist hier ausgerechnet der Autohersteller Honda. Der ist gerade in das Solarzellengeschäft eingestiegen. Das Ziel ist die Herstellung häuslicher Solarkraftwerke, die Strom für eine dezentrale Wasserstoffgewinnung liefern. Aber solch systemisches Denken ist derzeit noch die Ausnahme. Grundsätzlich geht es in Japan nicht um die Umwelt allein, sondern darum, Zukunftstechnologien früh zu besetzen. (wst)