Die Ränder der Realität

Das in Technologietrance taumelnde Menschenwesen muß zivilisatorisch betreut werden. Die Briten zeigen, wie das geht.

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Von
  • Peter Glaser

In dem Jacques Tati-Film Mon Oncle von 1958 verschanzen sich ein paar Jungs in ihrer Freizeit auf einem Hügel, von dem aus man Blick auf eine Straßenlaterne unten am Gehsteigrand hat. Jedesmal wenn ein Passant kommt, startet einer der Jungs ein Ablenkungsmanöver. Wer es schafft, den Passanten dadurch in den Laternenpfosten rennen zu lassen, hat die Runde gewonnen und kriegt einen Groschen.

Offenbar passiert sowas heutzutage, wie es sich gehört, in rationalisierter Form, das heißt, ohne Jungs, dafür mit technischer Hilfe. Einer aktuellen Meldung zufolge haben in England Unfälle stark zugenommen, bei denen Fußgänger, die im Gehen SMS schreiben oder lesen, gegen einen Laternenpfosten oder andere grobstoffliche Widerstände gelaufen sind. Die Briten haben eine erstaunlich einfache Lösung für das Problem gefunden: die Pfosten werden in eine Art Knautschzone gehüllt. Die Ganzweltversion dessen, was Ikea an Kantenschonern für Kleinkinder in der Wohnung anbietet. Ein Testlauf mit den Pfostenpuffern wird gerade in der bei Graffitisprühern und Musikvideoproduzenten gleichermaßen beliebten Brick Lane in Ostlondon durchgeführt.

Mir erschließen sich durch diese zivilisatorisch hochstehende Maßnahme der Engländer nun auch bislang unerklärlich Griffe oder Bügel, die ich manchmal in den Treppenhäusern schöner Altbauten hierzulande vorgefunden habe. Zweifelos sind es kleine, freundliche Einrichtungen, die nicht von den gewöhnlichen Treppengeländern abgedeckte Gangbereiche mit zusätzlicher Sicherheit ausstatten und einem taumelnden Menschen den Durchstieg zu einer Wohnung auf der Etage, oder von ihr herab, fast so einfach machen wie eine Seilbahnfahrt. Mochte man angesichts der britischen Pfostenverweichlichung erst noch annehmen, dass sich ein solches Vorgehen wohl aus dem immer weiter zunehmenden Umgang mit Informationstechnik erklärt, sich die Notwendigkeit der Benutzerführung also auch schrittweise in die Realwelt hinaus fortsetzt, so zeigen die vormals kryptischen Klammergriffe in alten Häusern, dass die Notwendigkeit der zivilisatorischen Betreuung des Taumelwesens Mensch doch noch weiter zurückreicht als bis an die modernen informations- und kommunkationstechnischen Verstörungen.

Wobei die Engländer diese weitergehende Auffassung von Benutzerführung auch bereits anderwärtig in avantgardistischer Weise durchexperimentert haben. So haben etwa die Ladenbesitzer der Londoner Oxford Street versucht, mit einer Mindestgeschwindigkeit für Fußgänger Streit zwischen Langsamgehern und Schnellgehern zu verhindern. Dazu wurde der Bürgersteig in zwei Fußgängerspuren aufgeteilt. Zu bestimmten Zeiten, etwa während der Schlussverkäufe oder zu Weihnachten, sinkt das Durchschnittsgehtempo auf gemessene 1,6 Stundenkilometer. Das macht Menschen, die schnell irgendwohin wollten, aggressiv und stört andererseits die aufkeimende Shopping-Versonnenheit der Langsamen.

Natürlich könnte man noch weitaus kühneren Annahmen nachgehen, etwa dem geheimnisvollen inneren Zusammenhang zwischen immer mehr und immer größeren Reklametafeln in den Städten und der unübersehbar hypnotischen Wirkung, die SMS-fähige Mobiltelefone auf die Menschen ausüben. Mißtrauische Zeitgenossen mutmaßen nämlich, dass nicht nur längst Außerirdische auf der Erde geandet sind, sondern dass diese sich nun rasant auf unserem Heimatplaneten breitmachen und sich, um ihre Operationen zu verdecken, einerseits der ablenkungsstarken Werbeplakatierung bedienen, andererseits der fast wie Betäubungsgas wirksamen Attraktionskraft der Mobiltelefonie. Aber leider fehlt uns dazu... der Platz... (wst)