Big Brother und die Menschenfresser
In Japan wird aus manchem Hollywood-Szenario erstaunlich schnell technologische Realität. Aber wollen wir das wirklich?
- Martin Kölling
Erinnern Sie sich noch an den Hollywood-Streifen "Minority Report" aus dem Jahr 2002, in dem Tom Cruise 2054 durch die Zukunft läuft und die Kaufhauswände anhand seines Iris-Scans personalisierte Werbung einblenden? Oder den gruseligen Film "Soylent Green" aus dem Kinojahrgang 1973, in dem Charlton Heston entdeckt, dass die leckeren, nach Soja klingenden Proteinkekse, die im New York des Jahres 2022 die Ernährung sicherstellen, in sterilen Hightechfabriken vor den Toren der Stadt aus Menschen gewonnen werden? In Japan lassen sich schon heute die Vorläufer dieser beängstigenden Technologien in freier Wildbahn bewundern.
So hat der kleine Elektronikhersteller Omron eine der ersten kommerziellen Anwendungen für sein Gesichtserkennungsprogramms "Okao Vision" vorgestellt, das inzwischen in Echtzeit Geschlecht und das Alter von gleich mehreren Dutzend Gesichtern auf Überwachungsvideo beurteilen kann (und, wenn man will, auch ein Lächeln oder die Blickrichtung feststellen). Das neue Produkt soll in der Praxis Bahngesellschaften dazu dienen, beispielsweise renitente Schwarzfahrer dingfest zu machen und die Passagierströme besser zu analysieren.
In Japan werden die Menschen nicht wie in Deutschland im Zug um ihrem Fahrschein gebeten, sondern müssen durch – allerdings leicht überwindbare – Schranken schreiten. Da nicht kontrolliert wird und damit die Gefahr, erwischt zu werden so gut wie nicht vorhanden ist, fahren nicht wenige Japaner schwarz. Das neue Videosystem kann nun das Gesicht analysieren und einen digitalen "Gesichtsabdruck" in einer Datenbank ablegen. Gleichzeitig soll das Programm die Passagierströme nach Alter und Geschlecht analysieren.
Allein diese Funktion zeigt, wie nah Omrons Technologie bereits an einer Realität ist, eine Minority-Report-ähnliche Individualwerbung inklusive Bewegungsvollüberwachung hervorzubringen. Denn eine entsprechende Datenbank vorausgesetzt, die digitale Portraits mit Personendaten verbindet, kann das System schon heute selbst in größeren Menschenmengen die Namen über die Köpfe von Menschen einblenden, die durchs Video eilen. Da braucht es keinen noch visionär klingenden Iris-Scan.
Dass Omron sein Gesichtserkennungsprogramm noch nicht als "Big Brother"-Programm sondern als Marketingtool zur Vollreife entwickelt hat, liegt wahrscheinlich daran, dass nicht die Polizei, sondern Japans Nahverkehrsunternehmen zu den Großkunden des Herstellers gehören. Omron hat vor etwa 40 Jahren die Schranken erfunden, die in einem Sekundenbruchteil die Fahrkarten nach dem Einschub lesen und zwei Schritte weiter wieder ausspucken.
Die Geburtsstätte einer realistischen Variante von "Soylent Green" werden die Altertumsforscher in eintausend Jahren vielleicht in der lieblich klingenden Tokioter Vorstadt Sakura (hört sich an wie "Kirschblüte", auch wenn es sich anders schreibt) verorten. Dort hat gerade die Firma Agri Gaia System angefangen, abgelaufene Lebensmittel mit neuesten Technologien und großindustriellen Anlagen zu frischen Produkten umzubauen. Das Ansinnen ist nobel: In Japan fallen in Supermärkten, kleinen Mittagsessensständen und der Nahrungsmittelindustrie jährlich über elf Millionen Tonnen nicht verkaufter Fertiggerichte und Lebensmittel an. Agri Gaia will sie zu hochwertigen Lebensmitteln recyceln. "Mottainai" heißt das Firmenmotto, auf deutsch "zu schade drum". (Ein Mottainai-Video gibt es hier zu sehen.)
Agri Gaia sammelt also die übrig gebliebenen Sushi, Reisbällchen, Tonkatsu-Schnitzel, Spaghetti und jegliche anderen vormals essbaren Produkte bei seinen Kunden in einem Kühlwagen ein, transportiert sie zur Firma und verarbeitet sie unter lebensmittelhygienischen Bedingungen zu Dünger oder fester wie flüssiger Proteinnahrung. 250 Tonnen kann die Fabrik täglich verdauen. Bisher werden die Produkte vornehmlich an Schweine und Hühner verfüttert, also Tiere, die von Natur aus auch Fleisch zu sich nehmen (und nicht an Kühe und Schafe, die Träger von BSE, die sich von Gras ernähren). Aber Firmenchef Hiroyuki Yakou sagt, dass die Produkte im Prinzip auch für Menschen genießbar seien. Die Flüssignahrung schmecke ganz gut, ein bisschen säuerlich nach Joghurt, denn sie sei mit Milchsäurebakterien versetzt.
Die Mottainai-Philosophie, radikal zu Ende gedacht und bösartig auf die allerhöchste Spitze getrieben, führt vom Recycling der Fertignahrung zur Wiederverwertung von Tieren und von dort zum Menschen. Wohl bekomm's. Wenigstens filmisch ist damit auch bei diesen neuen Ansätzen meine These bewiesen, dass jedem Horror oft eine gut gemeinte Idee zugrunde liegt. (wst)