Ich is ich is ich is ich

Seit einem Forum zur Nanomedizin geht mir eine Frage nicht aus dem Kopf: Wie lange kann ein wandelndes Ersatzteillager eigentlich seine Identität aufrecht erhalten?

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Von
  • Niels Boeing

Vor kurzem tauchte in einem Forum zur Nanomedizin die Frage auf, ab wann ein Mensch, dessen Körperteile durch immer mehr Ersatzteile ausgetauscht würden, nicht mehr derselbe sei. Oder einfacher: Wie lange kann ein wandelndes Ersatzteillager seine Identität aufrecht erhalten? Angestoßen wurde sie durch die Vorstellung des Transhumanismus, dass sich der Mensch irgendwann in der Zukunft optimieren wird, indem er „defekte“ Teile beliebig austauscht – bis hin zu seinem Gehirn, dessen Inhalt zuvor heruntergeladen und zwischengespeichert wird.

Man kann diese Vorstellung belächeln. Aber ich hatte das Gefühl, dass man mit einer Antwort nicht zu schnell bei der Hand sein sollte. Wenn wir Bewusstsein als Voraussetzung von Identität nehmen, stellt sich zunächst die Frage, woraus es entsteht. Natürlich gibt es darauf bis heute keine befriedigende Antwort. Im Unterschied zum Descartes’schen Ansatz neige ich zu der Ansicht, dass sich das Bewusstsein eines Menschen nicht von seiner konkreten Verkörperung trennen lässt, sondern quasi als emergente Eigenschaft aus dem Körper hervorgeht – nicht nur aus dem Gehirn alleine.

Der Körper besteht bei einem Erwachsenen aus rund 100 Billionen Zellen, die zusammen den Superorganismus Mensch bilden. Wenn wir Zellen verlieren – natürlich nicht zu viele auf einmal –, ändert sich unsere Identität nicht. Tatsächlich wird sogar unsere materielle Basis, also die Moleküle in unseren Organen, in regelmäßigen Abständen ausgetauscht und erneuert. Auch dabei verlieren wir nicht Bewusstsein oder Identität. Ja, selbst mit vielen Prothesen bleiben wir wir selbst. Es scheint also auf eine Struktur anzukommen, nach der wir geformt sind.

An diesem Punkt fiel mir eine Kurzgeschichte von Klaus Wohlrabe ein, „Korrektur der Vergangenheit“, erschienen unter anderem in der Anthologie „Von einem anderen Stern. Science-Fiction-Geschichten aus der DDR“ (dtv 1981). Darin veröffentlicht ein indischer Kybernetiker namens Ramajindra im Jahre 2024 zwei wissenschaftliche Aufsätze, in denen er rein logisch begründet, dass zwei identische Menschen, einer das Original, der andere sein (vermutlich geklontes) Ersatzteillager, nur ein und dasselbe Bewusstsein haben können. Dieses Gedankenexperiment führt im weiteren Verlauf zu der Entdeckung, dass es nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich getrennte Träger desselben Bewusstseins gibt. Solange wesentliche Parameter ihrer abstrakten Struktur übereinstimmen, müssen sie nicht einmal dieselbe Physis haben. Auf dieser Basis wird dann eine „psychische“ Zeitmaschine entwickelt, in der die Parameter von gegenwärtigen Menschen auf die von historischen Persönlichkeiten getunet werden. Die Zeitreisen der Probanden sind nicht immer erfreulich, vor allem, wenn ihr historischer Bewusstseinszwilling zufällig das jeweils andere Geschlecht hat.

Lange vor Wohlrabe, 1929, hat der britische Philosoph Alfred North Whitehead in seinem Buch „Process and Reality“ eine Philosophie entworfen, die mit der klassischen Unterscheidung von Substanz und Form bricht. Die fundamentale Kategorie sind so genannte actual entities (auf deutsch etwas unglücklich als „wirklich Einzelwesen“ übersetzt), die nicht deckungsgleich mit irgendeiner materiellen Grundeinheit – etwas Atome oder Zellen – sind. Sie können aufeinander bezogen sein und damit einen „Nexus“ bilden.

Solch ein Nexus ist möglicherweise das Bewusstsein. Dann käme es tatsächlich nicht darauf an, woraus dieser Nexus physisch geformt ist. Vielleicht ist es sogar egal, ob die physische Basis biologisch oder aus Silizium ist.

Seitdem beschäftigt mich die Frage: Ist das bodenloser Blödsinn, oder vielleicht ein Türspalt auf dem Weg zur transhumanistischen Vision (die mir dadurch trotzdem noch nicht sympathischer wird)? Spontan würde ich zwar sagen: ersteres. Aber ich bin mir nicht mehr sicher. Könnte man das irgendwie experimentell angehen? (wst)