Breitbandfahrtwind im Haar
Ein paar Anmerkungen zum sozialen Netz, Bitkids und digitaler Jugendkultur
- Peter Glaser
Im Lauf des Übergangs ins zweite Netzjahrzehnt wurde klar: Wir leben nicht im Informationszeitalter, sondern im Kommunikationszeitalter. Es war ein neues Lebensgefühl, mit wehenden Haaren die Datenautobahn und die Mobilfunkstrecken entlangzubrettern und überall jemanden anquatschen zu können. In ihrem Buch “Where Wizards Stay Up Late” über die Ursprünge des Internet schreibt Katie Hafner: “Amerikas Romanze mit den Highways hat auch nicht damit begonnen, dass jemand Straßen begradigt, asphaltiert und mit weißen Streifen in der Mitte bemalt hat, sondern damit, dass einer auf den Trichter kam, seine Karre wie James Dean die Route 66 runterzufahren und das Radio laut aufzudrehen und eine gute Zeit zu haben.”
Der Erfolg der kommunikationsfördernden aka sozialen Software hat damit zu tun, dass Jugendkultur immer sozial ist. Jugendliche möchten Freunde haben. Man erwartet von jemandem in dem Alter noch keine Karrierepläne oder Weltanschauungen – Jugendliche lernen, wie man miteinander umgeht, wie man jemanden kennenlernt und welche Konflikte entstehen können, vielleicht auch, wie man sie lösen kann. Sie wollen wie Kätzchen ständig miteinander in Berührung sein. Und mit der Mikrokommunikation untergraben sie natürlich die Autorität der Erwachsenen. Kids haben kaum Macht. Keiner tut was sie sagen, es gibt Vorschriften vorn und hinten. Social Networking gibt ihnen zumindest in diesem kleinen, digitalen Königreich Kontrolle über ihr eigenes Leben. Die amerikanische Soziologin Cheri Jo Pascoe, die in umfangreichen Studien untersucht hat, was es heißt, online aufzuwachsen, berichtet von einer 16-jährigen, die sich bei einem Online-Rollenspiel als Erwachsene ausgegeben hatte und die von den anderen auch als Erwachsene behandelt wurde – ein herrliches Gefühl.
Die Jugendkultur wird immer stärker von Technologie durchdrungen. Mit einem ganz normalen zeitgenössischen Bitkid zu reden, ohne SMS, Chat oder soziale Netzwerke zu erwähnen, ist kaum möglich. Ohne ihr Mobiltelefon fühlen sich die meisten von ihnen nackt. Inzwischen gilt es fast schon als asozial, wenn man kein Handy hat. Das Mobiltelefon - oder sein Fehlen - muß auch als Blitzableiter für die eigene Unzulänglichkeiten herhalten. Wenn man zu spät kommt und einen Freund oder eine Freundin auf eine andere Party umdirigieren möchte, der andere jedoch kein Kommunikationsgerät bei sich trägt, läßt sich das eigenen Pünktlichkeitsdefizit in einen Vorwurf ummünzen: Wieso hast Du kein Handy?
Mancher Jugendliche wünscht sich bereits eine Zeit zurück, die für Ältere noch gar nicht richtig vergangen ist und in der man ein paar wichtige Daten seiner Freunde in einem Kalender notiert hatte. Digital gutvernetzten Studenten fällt auf, dass ihnen seit zwei, drei Jahren nur noch die Großeltern und die allerengsten Freunde zum Geburtstag gratulieren. Man trifft sich in StudiVZ, Instant Messagern oder in Foren im Netz, die einen jeweils mit automatischen Geburtstagserinnerungen versorgen. Das ist sehr praktisch, zugleich aber auch ärgerlich, “einerseits für diejenigen, die gratuliert bekommen und wissen, dass der Gratulant sich nicht einmal die Mühe machen musste, ihren Geburtstag in einen Kalender einzutragen”, wie Nutzer oceaneyes findet, und auch dass der Überbringer der Freundlichkeit sich bestimmt nicht von sich aus erinnert hat, “sondern dass eine automatische Anzeige ihn dazu gebracht hat, pflichtschuldig zu gratulieren.” Diejenigen, die sich den Communities im Netz verweigern, fallen komplett unter den Tisch. Die meisten ihrer Freunde besitzen im StudiVZ-Zeitalter überhaupt keinen Kalender mehr – nicht einmal einen elektronischen.
Potentielle Freunde tauschen heute auf Parties keine Handynummern mehr aus. Man erkundigt sich, ob der oder die andere in dieser oder jener Comminity registriert ist und verabredet sich auch über diese Netze. Jemand, der nicht regelmäßig nach seiner Seite schaut, kann schnell das Gefühl bekommen, etwas zu versäumen. Den suchtartigen Impuls, sich immer wieder einzuloggen und nachzusehen, ob es vielleicht Nachrichten oder Neuigkeiten aus dem Freundeskreis gibt, kennen auch E-Mail-Nutzer nur zu gut. In manchen Organisationen sieht man das inzwischen als Gefährung der Geschäftstätigkeit. Auch da nehmen sich ausgewachsene Digerati und der digitale Nachwuchs nichts. (wst)