Pollen!
Alljährlicher Allergie-Notstand in Japan: Die Zedernpollen fliegen wieder. Schuld an der Volksallergie ist eine verfehlte Wirtschaftspolitik.
- Martin Kölling
Meine Augen jucken, die Nase kribbelt. Da niest schon mein Nebenmann auf der Straße für mich. Seit diesem Jahr scheine auch ich an der Volkskrankheit Japans zu leiden, der Zedernpollenallergie. Sie ist ein nur in Nippon anzutreffendes Massenphänomen, an dem laut der Pollenallergie-Info-Homepage des Gesundheitsministeriums allein 23,6 Prozent der Tokioter leiden.
Der wirtschaftliche Schaden ist enorm, hat das Wirtschaftsforschungsinstitut der Dai-ichi-Versicherung bereits 2005 ausgerechnet. Wenn der Sommer in einem Jahr ein Grad wärmer als im Schnitt ist, sinkt durch erhöhten Pollenflug im ersten Quartal des folgenden Jahres der Konsum um 0,6 Prozent, weil die Leute lieber zu Hause bleiben, als sich draußen dem Niesreiz auszusetzen. Gleichzeitig werfen die Menschen ihr Geld für Antiallergika aus dem Fenster.
Dementsprechend ernst wird das Problem in Japan genommen. Die Hauptstadt hat dem Blütenstaub offiziell den Kampf angesagt. Und die Regierung will mit einem massiven Forstprogramm in den kommenden zehn Jahren zehn Millionen pollenverschleudernde Cryptomeria japonica durch weniger Allergen emittierende Verwandte ersetzen. Die sauberen Zedern machen bisher mit 90.000 Bäumchen allerdings nur 0,6 Prozent des nationalen Bestandes aus.
Doch anstatt das Übel an der Wurzel zu packen und Nadelholzwüsten durch lebendigen Mischwald zu ersetzen, doktert die Regierung mit dem Zedernersatz nur an den Symptomen herum. Damit hält sie weiterhin an ihrer missratenen Forstpolitik fest. Nach dem zweiten Weltkrieg förderte die Regierung Industrieplantagen, um das asiatische Wirtschaftswunder mit billigem Bauholz zu versorgen. Quadratkilometer um Quadratkilometer wurde der traditionelle Mischwald durch Monokulturen aus schnellwachsenden Nadelhölzern ersetzt. Inzwischen machen Zedern zwölf Prozent der japanischen Forstbestände aus.
1960 folgte die gesundheitsgefährdende Kehrtwende. Die Regierung liberalisierte erst den Import von Stämmen und zwei Jahre später von Bauholz. Daraufhin kollabierten die Preise für heimische Hölzer, die Förstereien und Sägemühlen gingen pleite, und die Wälder altern seither ohne wirkliche Pflege.
Eine Folge ist der rasante Anstieg der Zedernpollenallergie. Denn immer mehr Industriewälder bestehen wegen der fehlenden Abholzung aus 25 bis 45 Jahre alten Zedernriesen, die besonders viele Pollen produzieren. Die frühjährlichen Fönwinde blasen die 25 bis 35 Mikrometer kleinen Partikel von Februar bis April aus bis zu 300 Kilometern Entfernung in den Großraum Tokio, wo sich auf einer Fläche kleiner als Schleswig-Holstein 35 Millionen Menschen drängen.
Die Blütenstaubwolken vermengen sich dort mit den Dieselabgasen und Feinstäuben des städtischen Molochs zu einem hochgradig allergenen Gemisch. Alle zehn Jahre hat sich daher die Zahl der Allergiker verdoppelt. Richtige Hilfe gibt es für sie nicht, sondern nur Schnauben und Schutzmasken. Die Pollenflugvorsage ist daher ein wichtiger Teil des Wetterberichts. Und wer dennoch hinaus muss, vermummt sich eben.
Mehr Menschen als sonst tragen weiße Gesichtsmasken aus Papier, um die Pollen aus den Atemwegen fernzuhalten. Manche schirmen auch die Augen mit mehr oder weniger modischen, eng am Gesicht anliegenden Plastikbrillen ab. Das lustige Aussehen der Mitmenschen spornt auch Japans Kreative an. Ein Witzbold setzt einem tanzenden iPod-Werbemännchen von Apple die Maske auf und schreibt in bester Werbemanier "iPod+mask" auf den grünen Untergrund. (wst)