Klapparatismen und kurze Halme

Zwei unorthodoxe Zugänge zu den neuesten Ansätzen technologischer Gestaltung.

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Von
  • Peter Glaser

Der zunehmende demografische Wandel, genauer gesagt die rasche Alterung unserer und der übrigen westlichen Gesellschaften, stellt neue Anforderungen an die Gestaltung und Handhabbarkeit technischer Geräte. Um aber keine Design-Ghettos entstehen zu lassen, in denen es Geräte gibt, die nur junge Menschen bedienen können und welche, die nur für Ältere und Alte gemacht sind, sucht man neuerdings nach Konstruktionsprinzipien, die unter der Bezeichnung Universal Design zusammengefaßt werden - generationsübergreifende Gestaltung.

Ich will mich dem Thema über zwei nichtstandardisierte Zugänge nähern: Wir beginnen mit der Rube Goldberg-Maschine. Sie steht inbildhaft für Probleme, die alle, jung als auch alt, mit Maschinen haben. Mit Rube Goldberg Device bezeichnet man in den USA eine bestimmte Art von Maschinerie, mit der sich auf außerordentlich komplizierte Weise ein ganz einfaches Ergebnis erzielen läßt. Ob bei Indiana-Jones durch Schatzsucher vertrackte Abwehrmechanismen ausgelöst werden oder erfinderische Bastler hochverknäuelte Systeme in Betrieb setzen, aus denen schließlich Kaffee tröpfelt oder kleine Jungs unglaubliche Klapparatismen starten, in denen Kugeln rollen, Wippen kippen, Kreisel schwirren und am Ende ein Streichholz angerieben wird, das eine Kerze entzündet - in allen Fällen haben wir es mit dem Prinzip der Rube Goldberg-Maschine zu tun. Sie ist ein Inbild für die Gefahren, aber auch für den Unterhaltungswert, der universellem erfinderischem Gestaltungswillen innewohnt.

Namensgeber des Ganzen war der 1970 verstorbene Cartoonist und Pulitzer-Preisträger Reuben L. Goldberg. Er hat erst in San Francisco als Ingenieur gearbeitete und später in New York als Zeichner Furore gemacht. In einer Reihe legendärer Cartoons mit sogenannten Erfindungen demonstrierte er anschaulich und allerliebst die menschliche Fähigkeit, mit einem Maximum an Aufwand zu minimalen Ergebnissen zu kommen - eine Tradition, die heute durch Kommunikationsgerätschaft, Computer und Internet fortgeführt und ihrer Vollendung ein weiteres Stück näher geführt wird.

Jeder von uns, der sich als Benutzer dieser Gerätschaft gegenübergestellt sieht, kennt diese Momente, in denen sich der paradiesische Zustand des stillen Funktionierens in eine gefühlsmäßige Rube Goldberg-Maschine verwandelt. Es geht ja nicht so sehr darum, dass man an der Bedienung oder Benutzung von Geräten scheitert - obwohl es das natürlich auch gibt. Es geht um verschiedenste Formen von Aberwitz, die sich einstellen, wenn scheinbar perfekte kleine Systeme mit den Sonderbarkeiten der Realität in Berührung kommen. das sind die wahren Herausforderungen an das menschliche Gestaltungsvermögen.

Im zweiten Beispiel, das zeigen soll, dass der Generationsübergang durch Gestaltung auch gefährdet werden kann, wenden wir uns einer anderen modernen Technologie zu, der Biotechnologie. Es geht um die Gestaltung von Getreidehalmen.

Jeder kennt den berühmten Roman über das Erwachsenwerden von John Salinger, Der Fänger im Roggen. Dieses alte Kinderspiel, bei dem kleine Kinder in ein Getreidefeld laufen, um Versteck zu spielen und das Getreide als Irrgarten benutzen, funktioniert heute nicht mehr. Kinder, die laufen können, sind heute immer schon größer als moderne Getreidehalme. Alte Getreidesorten wurden um bis zu einen halben Meter höher als die neuen Sorten. Die werden noch zusätzlich durch sogenannte Wachstumshemmer kurz gehalten. Bei der Halmverkürzung wird das Getreidewachstum durch Zusatzstoffe gezielt beeinflußt. Die Pflanzen sollen nicht zu groß werden, damit die Halme mit den schweren Ähren stabil bleiben und dem Wind eine geringere Angriffsfläche bieten. Getreide wird nicht mehr wie früher luftig gesät, sondern sehr dicht, um einen möglichst großen Ertrag zu bringen.

Mit dem Fangen im Roggen verschwindet auch die Möglichkeit, noch einmal ein solches Buch zu schreiben, aber vielleicht ist eines genug. Und es verschwindet die Kornblume. Sie hatte sich dem hohen, alten Getreide angepasst und konnte sich an den hochwüchsigen Halmen anlehnen. Im freien Stand ist die Pflanze aber nicht stabil und bricht ab.

Ich freue mich auf die Fortschritte bei der Entwicklung des Universal Design. (wst)