GIRLWARE
Maschinen als Frauenverstärker: Wie trickreiche Technologie heute den Mann im Haus obsolet machen kann.
- Peter Glaser
Der Umgang mit Hightech war lange eine Männerdomäne. Noch in den siebziger Jahren waren Computer ernsthafte Maschinen in hammerschlagackierten Blechgehäusen, bedient von echten Männern in gebügelten weissen Hemden. Frauen, die Nylons trugen, wurden in Rechenzentren nicht gern gesehen, da sie (die Strümpfe) sich reibungselektrisch aufluden und die empfindlichen Elektronengehirne störten.
Mit dem Aufkommen der PCs geriet das digitale Großgeräte-Machotum in die Krise. Als schließlich 1984 der Macintosh auf den Markt kam, stand der Untergang des Abendlandes kurz bevor: Nun fingen auch junge Frauen an, sich massenhaft für kleine Computer zu interessieren. Der Mac war schick und der erste Computer, der ohne die Eingabe undurchsichtiger Zauberformeln zu benutzen war. Maus und grafische Benutzeroberfläche entfachten einen Glaubenskrieg. Die einen sahen die Maus als fahrbare Hilfe-Taste für Doofe, für die anderen war es die tollste Maus seit Minnie.
Demokratisierung heißt auch: Aristokratie für alle. Waren Dienstboten früher der Oberschicht vorbehalten, so gab die zunehmende Maschinisierung von Haushalt und Privatleben immer mehr Menschen Unterstützung und Unterhaltung an die Hand. Waschmaschine und Spülmaschine ersetzten das Hausmädchen, Convenience Food die Köchin, das Babyphone die Nanny. Und während früher ein Butler die Visitenkarte des Besuchers entgegennahm hat, um nachzusehen, ob die gnädige Frau zu Hause sei, haben wir heute Anrufentgegennehmer und Email bequem zwischen uns und die zeitweise lästige Umwelt geschoben. Immer mehr an Kommunikations- und Computertechnik hilft einem heute, sein Leben auch alleine zu meistern.
Auf der jährlichen Consumer Electronics Show in Las Vegas wird eine Auszeichnung namens Techgirl ("Technology is a Girl's Best Friend“) für Gerätschaft verliehen, die beim weiblichen Geschlecht ankommt. Rund 65 Milliarden Dollar gaben Frauen letztes Jahr allein in den USA für neue Geräte aus. 1600 befragte Frauen gaben für eine Studie "What Women Want” von CEA Market Research darüber Auskunft, welche Features sie bei digitaler und Unterhaltungs-Elektronik bevorzugen: einfache Bedienung, Zuverlässigkeit, geringes Gewicht.
Werkzeugsätze oder Bohrmaschinen für Frauen gibt es inzwischen nicht nur in einfallslosem Rosa, sondern in leichteren und gefälliger in der Hand liegenden Ausführungen, die das Dübeln und Fräsen zur lässigen Freude werden lassen. Immer ausdifferenziertere kleine Roboter schwärmen aus, um der Dame des Hauses Routinearbeiten abzunehmen. [8] Mähbots pflegen den Rasen, anverwandte Artgenossen bewachen das Haus oder saugen Staub. Die besseren unter den Staubsaugrobotern sind fast so pfiffig wie eine Cruise Missile und wissen genau, wo die teure Ming-Vase steht, die nicht umgefahren werden soll und auch, dass der Hamster nicht eingesaugt werden darf.
Ein Spezialfall des Saubermachens, nämlich die Ungezieferbeseitigung, führt uns an die weiblichen Wurzeln der Computertechnik. Im Juli 1944 hatte die damals 37jährige Grace Murray Hopper, Mathematikerin und US Navy Lieutenant, an der Universität Harward mit dem ersten elektronischen Computer MARK I zu arbeiten begonnen. Sie war der dritte Mensch in den Vereinigten Staaten, der einen Computer programmierte und die erste Frau überhaupt. Das Elektronengehirn war mehr als 15 Meter lang, hatte 72 Byte Speicherplatz und konnte drei Additionen pro Sekunde ausführen. An einem heißen Augustnachmittag des Jahres 1945 fand Grace Hopper den ersten “bug”. Im Protokollbuch der Rechenanlage ist neben einem Eintrag um 15 Uhr 45 mit Klebstreifen ein Tier fixiert: “Schalttafel F - Motte im Relais.” Das Insekt hatte einen Kurzschluß zwischen zwei Röhren ausgelöst. “Von da an sagten wir immer, wenn der Computer gerade nicht lief, wir seien dabei, bugs zu entfernen.” Und so heißen Programmierfehler immer noch. Die Protokollbuch-Seite mit der von Mrs. Hopper erlegten Motte liegt heute im Marinemuseum in Dahlgren im US-Bundesstaat Virginia.
Sigmund Freud habe behauptet, die einzig namhafte, von Frauen hervorgebrachte Technik sei das Flechten und Weben, so die österreichische Politolgin Beatrix Beneder. Die britische Cyber-Philosophin Sadie Plant sieht genau in diesem webenden, Verbindungen herstellenden, weiblichen Charakter die Kernidee des Internets. Fest steht aber auch: Die Akteure im Netz sind mehrheitlich männlich, “die Open Source Community gleicht dem Duschraum eines Football-Teams” (Beneder). Entgegen dem Klischee, wonach Frauen angeblich keinen Sinn für Mathematik haben, schlägt nichtsdestotrotz ein gutes Drittel der Frauen europaweit diesen akademischen Weg ein. (wst)