Vorwärts in die Kuhzunft
Endlich fühlt sich die Zukunft, in der wir längst leben, wieder ein wenig futuristisch an.
- Peter Glaser
Endlich fühlt sich die Zukunft, in der wir längst leben, wieder ein wenig futuristisch an. Vielleicht liegt es am FrühlingWühling. Vielleicht an 23andMe. Das von Linda Avey und Anne Wojcicki - der Frau des Suchtycoons Sergey Brin - gegründete Unternehmen (“genetics just got personal”) verkauft für 1000 Dollar einen Gentest für jedermann und entwickelt gerade ein Social Network, in dem man dann seine Gene mit denen der anderen vergleichen kann. Das ist doch endlich mal wieder was Zukunftszünftiges.
Es erinnert einen gleich mal erfrischend und einen Entwicklungssprung weiter an die Episode aus Stanislaw Lems Sterntagebüchern, in der Raumfahrer Ijon Tichy auf einen Planeten gerät, auf dem Genveränderung und Schnellmutation längst in den modischen Alltag aufgenommen worden sind. Ein Generalhemmnis, unter dem terrestrische Couturiers ständig zu leiden haben, ist die Beschränktheit des menschlichen Körpers, der weitgehend aus zwei Beinen unten, einem Oberleib sowie einem Kopf mit Haaren obenauf besteht. Der stockkonservativen Natur respektive der Begrenztheit auf diese Körpergrundkontur kann man mit biotechnischen Methoden ganz easy entkommen. So sind auf dem bewußten Planeten je nach Saison mal locker vom Steiß fallende Scheinfüßchen, mal konvexe Halsschuppierung und bodenlange Hautschleppen am Unterarm en vogue, Hautfarben von Epoxydgrün über Kunstharztönungen bis Himmelgrau und gelegentlich ungescheitelte Lippenbehaarung oder verspiegelte Fingernägel.
Wir leben acht Jahre tief in einer Zukunft, die mit dem Jahr 2000 den kritischen Punkt erreicht hatte. Von der Mitte des zurückliegenden Jahrhunderts aus gesehen, sollten wir im Jahr 2000 in Kuppelstädten leben und mit Schwebegleitern zur Arbeit fahren. In der Zeitschrift “Atom” freute sich Robert Havemann in den fünfziger Jahren auf die Zeit, wenn endlich ein Atomkraftwerk mitten in Berlin stehen und die Luft im Winter nicht mehr so kohlenheizungsverqualmt sein würde. Nun wechseln sich, was Zukunftsbegeisterungen angeht, die Euphorien mit den Ermattungen ab. Nach der Mondlandung kühlte die Raumfahrbegeisterung ab, stattdessen schleppte irgend jemand plötzlich kleine Computer für jedermann an. Science Fiction war noch richtig schön weit weg und fantastisch. In den Neunzigern delirierte man digital Phänomene zwischen noosphärischem Gesamtmenschheitsbewußtsein, Cybersex und intelligentem Staub herbei. Jaron Laniers auf den ersten Blick flippige Vorstellung, man könne künftig auch ein virtuelles Leben als Hummer oder Teekanne führen, offenbarte sich dann im Zeitalter von Second Life in ihrer ganzen tristen Banalität.
Das Hightech-Hyperspießertum, dessen oberster Repräsentant eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat, dass auch richtig viel Geld und richtig gute Anwälte nicht über kerntiefe Uninspiriertheit hinweghelfen, und der in den späten neunziger Jahren herrschende Gruppenzwang, Visionen haben zu müssen, führten zu einer Dekadenz aufregender Entwürfe einer Welt von morgen. Auch von der obligaten Nanomaschine, die einem als medizinischer Schneedienst den Kalk aus den Arterien räumt, oder von intelligenten Stäuben und Türklinken mochte man einfach nichts mehr hören. Hatte man in den Achtzigern noch Hoffnung geschöpft, als Daniel Hillis mit der Connection Machine, einem schwarzen, mit blinkenden Leuchtdioden übersäten Monoliten, einen Computer baute, der endlich wieder aussah wie die Computer in SF-Filmen, so verkam in den folgenden Jahren der Blick in die Zukunft zu immer monotonerer PR im Auftrag von Zigarettenfirmen oder Startups, die damit ihre Innovationsfähigkeit zu demonstrieren versuchten. Sie langweilten mit ihrem kalten Pathos alle, die sich legitim an guten, abgefahrenen Ideen unterhalten möchte.
Nun also 23andMe, Erbgutvergleich als Online-Cyberspaß. Angesichts wieder aufkeimenden Visionsvergnügens will ich nicht mäkelig sein, auch wenn die Option, dass die persönlichen Gen-Daten bei Einwilligung zu Forschungszwecken an Pharmaunternehmen weitergereicht werden können, dem Blick in die Unterhose eine neue Tiefendimension verleiht. Es gibt das Spiel, einen Begriff zu finden, zu dem Google nur einen oder keinen Treffer anzeigt. Bald wird es ein ähnliches Spiel geben, bei dem man versuchen wird, noch Geheimnisse und Privatangelegenheiten eines Individuums zu finden. Bemerkenswert an der von zwei Frauen gegründeten Firma ist übrigens auch, dass sie zeigt: futuristische Entwürfe sind längst nicht mehr nur im Mannesalter megalomanisch gewordene technische Jungsfantasien. Wobei mich die Leute, die Erbgut auseinandernehmen, im Grunde schon wieder ungeduldig machen. Ich warte darauf, dass - eine Art Bio-Lego - endlich ein Experimentierkasten für den kleinen Klonierer auf den Markt kommt. (wst)