Schöne Orte

Ăśber die k.&k.-Kaffeehausvorversion von Google, nebst einer Ode an die Telefonzelle

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Von
  • Peter Glaser

Ob ein Ort glücklich sein kann, hängt neben anderen Dingen auch vom geografischen Breitengrad und der Mentalität des Ortsglücksuchenden ab. Warten etwa heißt die Zeit, in der wir fühlen, wie gleichermaßen banal und bedeutend das ist, was wir Freiheit nennen. Was Warten bedeutet, weiß jeder Nutzer digitaler Gerätschaft. Man wartet, bis dero gütigster Gerätschaft fertig zu booten geruhen, bis das Mobiltelefon so langsam zu sichkommt, bis das eine oder andere Gigabyte mit der virtuellen Handpumpe aus dem Datenkeller gepumpt ist.

Wobei es ein Süd-Nord-Gefälle gibt. Je weiter nach Süden man kommt, desto mehr wandelt sich das, was wir hier nördlicher unwohl als Warten ansehen, in eine Lebensqualität. Eines der ersten Worte, die man auf Arabisch lernt, heißt "bukra" - "morgen". Jener Süden, in dem das Warten nicht als Gemütsbremsung, vielmehr als eine Lust an der Zeit empfunden wird, reicht hoch bis an den Südrand der Alpen respektive den Nordrand des Balkans. Noch im Nachbarland Österreich ist der süße Hang zum Müßigen zu spüren. So verlangt die Kaffeehauskultur ihren Teilnehmern eine herzenstiefe Bereitschaft zum Rumhängen ab.

Damit aber erst gar keine falschen Vorstellungen über uninnovatives Faulsein aufkommen, möchte ich darauf hinweisen, wie sehr schon vor über hundert Jahren zu Zeiten der k.&.k. Donaumonarchie die klassische Kaffeehaussituation jener Altagssuite ähnelte, die ein Netznutzer im 21. Jahrhundert vorfindet. Man ging nicht einfach ins Kaffeehaus, um Kaffee zu trinken und aus dem Fester zu sehen. Zum einen lag (und liegt) in einem guten Kaffeehaus eine Auswahl der internationalen Tages- und Wochenpresse zur Lektüre aus. Zum anderen ließen sich Stammgäste oft ihre Post nicht in ihre Wohnung, sondern ins Kaffeehaus zustellen, die sie zusammen dann mit dem ersten Kaffee (“Herr Doktor, wie immer?”) an den Tisch gebracht bekamen. Zum Weiteren gab es bereits das analoge Pendant zu Google. Im guten Kaffeehaus gab es natürlich auch ein Konversationslexikon, und wenn man bei der Zeitungslektüre auf einen Sachverhalt oder einen Begriff gestoßen war, zu dem man gern mehr wissen wollte, konnte man den Oberkellner fragen, der dann entweder mit der Auskunft oder dem bereits auf der interessierenden Seite aufgeschlagenen Lexikonband wieder zurückkam. Die Antwortzeiten lagen zwar unwesentlich höher als bei Google, der begleitende Rückfluß an Glücksgefühl aber war zweifellos höher.

Glück ist, by the way, kein erstrebenswerter Dauerzustand. Es hat seinen Platz in den Gezeiten der Gefühle und ist, wie auch die Liebe, nicht nur ein Gefühl, sondern eine Fähigkeit. Glück ist eine Option. Ich schaue, zum Beispiel, hinaus in die blaue Dämmerung und sehe die Telefonzelle am Ende der Straße, leer und leuchtend. Eine der verbliebenen Telefonzellen, wobei ja auch die kahlen Kommunikationsmarterpfähle aus gebürstetem Stahl, die man uns stattdessen in den öffentlichen Raum gerammt hat, inzwischen mit Vordächern und Seitenwänden langsam wieder zuwachsen zu etwas zumindest Zellenhaftem.

Leuchtende, leere Telefonzellen in der Dämmerung sind wunderschön, ein paar davon gibt es ja noch. Sie sehen aus wie robotische Boten einer längst versunkenen Zivilisation, freundliche Maschinen, unermeßlich klüger als wir. Die leuchtende Zelle lädt ein, sie zu betreten und jemand Fernen anzurufen. Obgleich ein Mensch in einer Telefonzelle allein steht, wirkt doch niemand so wenig einsam wie jemand, der in einer Telefonzelle steht und telefoniert. Eine Katze, die einen Menschen telefonieren sieht, ist zurecht verwirrt. Der Mensch, in gänzlicher Zuwendung, spricht mit einem Ding. Er ist verloren an eine Ferne.

Das Allerschönste aber ist eine leere, leuchtende Telefonzelle in der Dämmerung. Ich entwerfe leicht euphorisiert ein Theaterstück, das in einer Telefonzelle spielt. In dem Stück wird eine Telefonzelle von jemandem bewohnt, der noch auf dem Brett, auf dem früher die Telefonbücher lagen, einen Untermieter hat. In dem Stück geht es um alle erreichbaren Fernen der Welt. Mit der Hand schöpfe ich noch etwas Licht und Frühlingsluft in meinen Pullover, und verlasse dann, glücklich, den Ort. (wst)