Gedopte Kopfarbeiter
280 Forscher haben zugegeben,mehr oder weniger regelmäßig die Konzentration fördernden Mittel wie Ritalin geschluckt zu haben. Kündigt sich da ein neuer Trend an?
- Gordon Bolduan
"Du nimmst die blaue Pille – die Geschichte endet, du wachst auf in deinem Bett und glaubst, was du glauben willst. Nimmst du die rote Pille, so bleibst du im Wunderland und ich zeige dir, wie tief der Kaninchenbau geht", erklärt Hacker-Anführer Morpheus an den Novizen Neo im amerikanischen Science-Fiction-Thriller Matrix aus dem Jahre 1999. Aus Blau folgt Unwissen, Rot sorgt für Erkenntnisgewinn, Neo wählt letzteres.
Umgekehrt agieren heutzutage Wissenschaftler: Sie entscheiden sich zuerst für den Weg der Erkenntnissuche und greifen dann in den Arzneischrank. 280 Forscher geben das zu, bekundet eine Umfrage der Fachzeitschrift Nature (Band 452, S.674). Mehr oder weniger regelmäßig habe man die Konzentration fördernden Mittel Ritalin und Provigil oder angstlösenden Betablocker geschluckt. Darüber hinaus fordern 80 Prozent der 1400 Befragten, solche Medikamente freizugeben, was für ein hörbares Rauschen im Blätterwald und Blogosphäre sorgte.
Sind Sie schockiert? Ganz ohne sind ja Ritalin und Co. nicht – Haarausfall ist eine der harmloseren Nebenwirkungen. Nachahmer seien gewarnt: Fragen Sie bitte ihren Arzt oder Apotheker.
Andersherum gefragt: Kennen Sie nicht auch diese peinlichen Momente, wenn während des Gehirnstürmens im Kollegenkreis die Synapsen zwar glühen, nicht jedoch ein Feuerwerk von Ideen zünden. Oder wenn die 18 Seiten eines wissenschaftlichen Artikels so leblos sind, dass man selbst nach dem dritten Weingummi-Beutel immer noch nicht über den dritten Absatz hinaus ist. Wäre hier ein kleiner Arznei-Antrieb nicht wünschenswert?
Gehirndoping nennt das der Blätterwald – Wissenschaftler verwenden auch gerne den Begriff "cognitive enhancement". Die Analogie zur Sportwelt ist nicht abwegig. Sportler sind Kaderathleten, ihre Währung Bestzeiten und Rekordweiten. Je öfter sie diese erreichen, desto besser. Verträge mit Sponsoren und saftige Antrittsgelder winken, Epo und Eigenblut die Klinken die man dafür gerne drückt.
Beim Wissenschaftler, dem Prototyp des Wissensarbeiters, sind die Leistungsdaten die Anzahl veröffentlichter Forschungsaufsätze. Über deren Qualität mag das Peer Review Verfahren, das anonyme Begutachten durch Kollegen, wachen, doch auch Quantität zählen und zunehmend auch genehmigte Forschungsanträge. Das Ja-Wort von staatlichen oder privaten Forschungsinstitutionen sichert oft die eigene Existenz über mehrere Jahre. Verständlich also, dass Forscher bei drohendem Antrags-Abgabeschluss zum Pillendöschen greifen.
Die Elite der Wissensarbeiter könnte sich auch im Werkzeugkasten des Wissensmanagements bedienen, auf Software hoffen, die automatisch Informationen zum Ganzen verknüpft, oder das Erarbeitete in Wikis ordnen. Das kostet Zeit und ist damit im Vergleich zu einem “gedopten” Gehirn, als ob man auf Stelzen gegen einen Sprinter antreten wolle. Genau das haben wohl auch die Forscher erkannt, die mit Hilfe von Medikamenten in die Konzentrationsphase katapultieren. Das mag sie als unmoralisch erscheinen lassen, es könnte aber auch ein Zeichen für analytisches Lösungsbewußtsein sein.
Bevor jedoch die akademische Urin-Probe gefordert, als Ursache für den schwindenden Haarschopf nicht mehr Haareraufen beim geistigen Problem-Wälzen, sondern Ritalin-Mißbrauch ausmacht, sollte man nach dem Warum fragen. Antworten könnten beispielsweise sein, dass ein Teil der Forscher mit dem Druck (peer pressure) nicht fertig wird oder glaubt, dass der Schlüssel zum wissenschaftlichen Erfolg lediglich in einer Vielzahl veröffentlichter Papers liegt. Das wiederum könnte ein Indiz dafür sein, dass das System um Forschen und Veröffentlichen nicht mehr das beste ist oder die Wissensgesellschaft in eine neue Ära übertritt. Denn greifen die Wissenschaftler selbst unter optimalen Bedingungen noch in den Arzneischrank, muss man sich fragen, ob sie nicht Vorboten einer weitläufigen Entwicklung sind. Kaffee-Konsum am Arbeitsplatz mahnt heute ja auch keiner mehr an. Bei Vielschreibern ist selbst der Griff zu Zigarette akzeptiert. Trotz Nebenwirkungen. (wst)