Knusper-Swing-by

Amerikanische Frühstücksflocken und Digitaltechnik haben gelegentlich mehr miteinander zu tun als man meinen könnte.

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Von
  • Peter Glaser

In den Vereinigten Staaten begann das Zeitalter der Massenwerbung, als 1877 eine neue Haferflockenfabrik ihren Betrieb aufnahm, die Quaker Mill in Ravenna im Bundesstaat Ohio. Rohes Getreide kam auf der einen Seite in die Fabrik und auf der anderen Seite kamen Haferflocken in Schachteln heraus. Die Fabrik stellte zweimal soviel Haferflocken her wie der Markt erforderte, denn die meisten Amerikaner hielten Haferflocken damals für Pferdefutter. Der Fabrikbesitzer Henry P. Crowell hatte die Idee zu einer landesweiten Werbekampagne für ein Produkt, das direkt an die Haushalte vertrieben wurde und damit das traditionelle Distributionssystem über die Kaufläden umging. Er entwarf eine Schachtel, die man – anders als die bis dahin üblichen Vorratspackungen – in der Küche bequem benutzen konnte und ließ einen Quäker mit einem schwarzen Hut draufdrucken. Crowell hatte die Marke erfunden.

Sie ist gleichermaßen beständig wie anpassungsfähig und hat ein paar Mal auf interessante Weise die Technikgeschichte touchiert. 1965 brachte Quaker Oats die Knusperflocke Quisp auf den Markt, zeitgemäß in UFO-Form ("vom Planeten Q") und mit einem leicht irre schielenden "propeller head", dem Urbild des Nerds, auf der Packung. Zugleich brachten sie Quake heraus - ja, richtig gelesen. Was als nächstes kam, war klar: ein Spiel. Ein riesiger Wettbewerb. 1970 trat der muskelbepackte Minenarbeiter Quake ("Earthquake Power") in Cartoon-Werbespots gegen das fistelnde Frohsinns-Alien Quisp an. Die Firma wollte herausfinden, welche der beiden Submarken populärer war. Zwei Jahre später, nach einem titanischen Fight, hatte Quisp gewonnen und Quake, der Verlierer, wandte sich einer anderen Knuspersorte namens Quangaroos zu, bei der man ihm zum Trost ein oranges Känguru zur Seite stellte. In den siebziger Jahren, während die PC-Revolution begann, verschwand Quisp wegen nachlassender Verkäufe aus den amerikanischen Supermärkten. Mitte der achtziger Jahre wurde es neu aufgelegt und Anfang der Neunziger mit Blinken und Biepen als "die erste Internet-Cerealie" neu beworben. Quisp fristet heute, sofern man bei einer Frühstücksflocke davon sprechen kann, ein Dasein als limited edition.

Mitten ins Herz der neuesten Technik führte ein anderes Quaker Oates-Produkt: die 1963 eingeführten Knusperdinger namens Cap'n Crunch. Zum einen wurde das Zuckerzeug zu einem der erfolgreichsten Kinderfrühstücksfavoriten aller Zeiten. Zum anderen erzählte fünf Jahre später ein blinder 19jähriger Junge namens Joe Engressia (der später den Namen Joybubbles annahm) seinem Freund John Draper (der später den Namen Captain Crunch annahm) von einem Trillerpfeifchen, das damals als Werbegeschenk in den Cap'n Crunch-Packungen zu finden war - und dass man damit Pfiffe mit einer Frequenz von 2600 Hertz produzieren konnte. Mit einem Ton dieser Frequenz signalisierte die damalige Telefontechnik dem System, dass der Teilnehmer aufgelegt hatte und der Gebührenzähler abgeschaltet werden konnte. Wer die 2600 Hertz bei abgehobenem Hörer in die Muschel pfiff, konnte umsonst weitertelefonieren, da die Sprechverbindung weiterhin aufrechterhalten wurde. Der Phreak, die Protoform des nachmaligen Hackers, war geboren.

Der Knusperfortschritt ist im übrigen nicht aufzuhalten. Scherzkekse haben die robuste Cerealienmarke inzwischen zwangsweise ins Web 2.0-Zeitalter befördert und Quakr 2.0 Oats konzipiert, einschließlich stilsicher verrundlichtem Mitmachweblogo. Und letztes Jahr war die britische Werbeagentur Johnson Banks eingeladen worden, für die neuen Medien eine neue Typografie für Quaker Oats zu erstellen - aus Kornkreisen. (wst)