Gib mir deinen Föhn, ich geb dir meinen Mixer
Kennen Sie die Integral GmbH aus Hessen? Die macht interessante Sachen.
- Niels Boeing
Kennen Sie die Integral GmbH? Ich kannte sie bis gestern auch nicht. Da las ich, dass sie von der Deutschen Umwelthilfe zum „Projekt des Monats“ gekürt worden ist. Die Integral GmbH ist ein gemeinnütziges Unternehmen, das im hessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf „Elektroschrott“ recycelt, genauer gesagt Weiße Ware. Wieder instandgesetzte Teile wie Waschmaschinenmotoren werden dann im Online-Shop www.ersatzteilnetzwerk.de zum Verkauf angeboten. Nicht schlecht.
Spannender ist allerdings die Tatsache, dass die Integral GmbH auf ihren Recyclinghöfen regelmäßig „Tauschfestivals“ durchführt. Nach Angaben der Firma werden dort 80 bis 90 Prozent der Altgeräte, die die Bürger dorthin schleppen, von anderen wieder mitgenommen. Nur der Rest wird recycelt.
Alle Achtung. So ein Schrott kann das ja dann offensichtlich nicht gewesen sein. Warum gibt es so etwas nicht schon ĂĽberall? Unser lokaler Recyclinghof ist bislang nur der ĂĽbliche groĂźe Schlund, in den man seinen Abfall wirft. Wenn der ĂĽberhaupt hingebracht wird und nicht in ĂĽberquellenden MĂĽlltonnen landet.
Der Gedanke lässt sich noch weitertreiben: Richten wir doch gleich örtliche Tauschhallen ein. In jedem Stadtteil, in jeder Kommune. Das würde etliche ökologische Rucksäcke für Neuprodukte einsparen und nicht nur die jährlichen 1,8 Millionen Tonnen Elektroschrott reduzieren (Zahl: Deutsche Umwelthilfe). Und es käme auch dem Trend entgegen, dass die Kaufkraft vieler Bürger seit Jahren kontinuierlich abnimmt.
Natürlich passt das nicht zum Zeitgeist, der Konsumieren schon fast zur staatsbürgerlichen Pflicht macht, damit die große Maschine läuft. Und natürlich sind die Kommunen seit Jahren klamm. Aber es ist noch nicht so lange her, dass der Bau von Schwimmbädern, Bürgerhäusern oder Konferenzsälen eine selbstverständliche Infrastrukturleistung war. Es muss ja nicht mal ein Neubau sein: Eine Investitionsruine findet sich in Großstädten immer.
Sicher gibt es zunächst noch ein weiteres Problem: Altgeräte sind nicht sexy, und mit dem Mindset, auf das wir konditioniert worden sind, hat eine Sache, die nichts kostet, keinen Wert. Aber wie wir beim neuen Öko-Boom für Lebensmittel und umweltfreundlich produzierte Waren sehen, kann sich das innerhalb kurzer Zeit ändern. Spätestens, wenn die Realeinkommen sich endgültig von der Konjunkturentwicklung abgekoppelt haben.
Ich würde sofort lieber tauschen als shoppen gehen. Gib mir deinen Föhn, ich geb dir meinen Mixer.
Tauschhallen – das wäre ein innovativer Beitrag zur Umweltpolitik, der mindestens ins Wahlprogramm der Grünen gehörte. Das passende Lied für den Wahlkampf hat Jack Johnson bereits 2006 herausgebracht: „The 3Rs“ – reduce, re-use, recycle. (wst)