Am Frühstückstisch zum Recycling-Profi
Noch wird man in Japan mit Plastiktüten zugeworfen, noch verunstalten illegale Müllkippen die Landschaft und Asbest fliegt herum. Aber das alles könnte sich bald ändern. Dank massiver Umwelterziehung.
- Martin Kölling
Diese Woche habe ich mich zum japanischen Recycling-Profi weiterbilden lassen. Die Stadt hatte den jährlichen Müllsammelleitfaden ins Postfach zwischen die Werbung gestopft. Glücklicherweise erkannte ich ihn. Und so landete die Papiersammlung neben dem Müsli auf dem Frühstückstisch anstatt im Altpapier. Und: Die Lektüre der 20-seitigen, DIN A4-großen Wurfsendung half mir wirklich, die letzten ausstehenden Fragen der häuslichen Mülltrennung zu klären.
Müllentsorgung findet in Nippon anders als in Deutschland statt. So gibt es zum Beispiel keine Mülltonnen. Vielmehr wird der brennbare Hausmüll zwei mal wöchentlich (in meiner Stadt Mittwochs und Sonnabends) in Plastiktüten am Straßenrand deponiert und es wird – damit die Krähen kein zu leichtes Spiel haben – ein grünes oder blaues Plastiknetz darüber gedeckt. Da Krähen aber schlaue Tiere sind, bemühen sich viele Menschen, den Müll erst kurz vor der Ankunft des Müllwagens nach draußen zu bringen. Der Müllwagen ist übrigens nur etwas halb so groß wie in Deutschland, damit er durch die schmalen japanischen Gassen passt. Seite 7 der Müllbroschüre erklärt mir illustriert, was ich alles hineinwerfen darf: Lebensmittel, Gartenabfälle, Schuhe, Taschen und Gürtel aus Leder oder Gummi, Fotos und Windeln, Teddybären, sogar Teppiche (so ich sie in maximal 50 Zentimeter im Quadrat kleine Stücke zerkleinert habe).
An zwei weiteren Tagen wird der Recyclingmüll abgeholt. Am Donnerstag sind Glasflaschen, Dosen, Papier, Kleidung und nicht brennbarer Müll dran (Seiten 4 bis 6). Papier, Pappe und Kleidung bitte bündeln. (Oft genug rauben private Müllsammler das Altpapier und die Dosen.) Glasflaschen kommen in eine gelbe Plastikkiste, Dosen in eine blaue. Milch- und Safttüten müssen ausgewaschen, normgerecht zerschnitten, getrocknet und dann gebündelt werden. Nicht in den Papiermüll dürfen Kassenbons, Faxrollen, Ölpapier, Fotos, Pizzaverpackungen und Pappbecher, aha.
Spannend wird's beim Restmüll. Batterien bitte in eine separate Plastiktüte. Ebenso Fieberthermometer, bei denen die Stadt davon ausgeht, dass sie noch mit Quecksilber arbeiten. Weiter separat zu verpacken: Spraydosen, Feuerzeuge, Leuchtstoffröhren und asbesthaltige Haushaltsgeräte wie Bügeleisen. Upps. Asbest? Davon fliegt hier wohl recht viel herum, befürchte ich. Denn bis zu Beginn dieses Jahrtausends war ein Verbot des potenziellen Krebserregers in Japan kein Thema.
Am Freitag kommen bei mir Plastikmüll und PET-Flaschen dran. Den Plastikmüll darf ich wieder in Plastiktüten stopfen und unters Netz legen. Genau erklärt mir die Broschüre auf Seite 2, dass Shampoo-Flaschen, Verpackungen von Eiern und Fertigmahlzeiten, Ketchup-Flaschen, Styropor, Kekstüten und Zahnbürsten als Plastikmüll zu qualifizieren sind. Doch aufgepasst, belehrt mich die Flugschrift. Lebensmittel und Saucenreste bitte nicht dran- oder drinlassen.
Die PET-Flaschen (Seite 3) soll ich in eigens von der Stadt ausgehändigte PET-Flaschen-Netze stecken. Zuvor möge ich die Flaschen jedoch auswaschen, die Banderole und den Deckel in den Plastikmüll werfen und dann die Flasche platt machen, damit sie nicht zu viel Platz wegnimmt. Das ist eine ganz schön Zeit raubende Tätigkeit. Denn wegen des oft starken Chlorgeschmacks des Trinkwassers kaufen viele Familien ihr kühles Nass im Supermarkt, zusätzlich zu Tee und Kaffee aus der Buddel. Da kommt man leicht auf fünf bis zehn PET-Flaschen pro Woche und Nase zuhause (plus einiger aus den Myriaden von Getränkeautomaten oder Mini-Supermärkten unterwegs).
In keinen Müll passen hingegen Klimaanlagen und andere Haushaltsgeräte, die seit 2001 von den Herstellern zurückgenommen werden müssen, Autoreifen und Badewannen sowie Computermüll. Aber die loszuwerden ist kein Problem, weil tagtäglich private Müllsammler in Minilastern durch die Viertel kreisen und durch Lautsprecher ausrufen, welchen Sondermüll sie heute wieder gegen einen kleinen Betrag einsammeln.
Lohnt sich diese enorme Trennungsmühe überhaupt? Offensichtlich schon. Fast 70 Prozent des Papiers und der PET-Flaschen werden recycelt, über 80 Prozent der Dosen und rund 90 Prozent des Glases. Bei Haushaltsgeräten hingegen hängt gerade der Haussegen schief. Denn die von den Kaufhäusern zurückgenommenen Geräte finden oft nicht den Weg in die Recyclingfabriken der Hersteller zurück.
Kojima, einem der größten Techno-Einzelhändler des Landes, sind im vergangenen Jahr gar 77.000 Kühlschränke, Waschmaschinen, Fernseher und Klimaanlagen auf wunderliche Weise abhanden gekommen, für deren Entsorgung die Kunden zuvor bezahlt hatten. Was mit den Geräten passiert ist, ist unbekannt. Das Unternehmen behauptet, viele Geräte seien "geklaut" worden. Aber Beobachter fragen: Wurden sie vielleicht nach Übersee verscherbelt? Oder von privaten Müllsortierern ausgeschlachtet? Oder von der Müllmafia illegal und kostengünstig auf einer der illegalen Müllkippen im Land entsorgt? Davon gibt es nämlich trotz strikten Trennungsgeboten immer noch viel zu viele in Japan. (wst)