Wie breit ist Breitband?
Während Deutschland in Sachen Netz-Geschwindigkeit wie auf Diät gesetzt scheint, feiert Asien wahre Breitbandorgien.
- Martin Kölling
Deutschland ist ein entwickeltes Land? In Sachen Internet überkommen mich hin und wieder Zweifel. Ich habe Kontakte, zu denen tröpfeln die Bytes und die Bits noch heute im ISDN-Tempo, weil sie – obwohl im Dunstkreis Bremens wohnend – zu weit von einem Telefonknotenpunkt leben, um ADSL zu erhalten. Glasfaser gibt es dort auch nicht. Ein Drama. Ein anderer Kontakt in Ostdeutschland hat über einen Monat auf seinen Festnetzanschluss warten dürfen. Und dann die Geschwindigkeiten: 1 Megabit pro Sekunde wird einem in Deutschland anscheinend schon als Breitband verkauft. Da schafft ja die PC-Karte meines auf dem Mobilnetz "eMobile" funkenden Laptops mit einer Downloadgeschwindigkeit von bis zu 7,2 Megabit noch mehr.
Und solch ein Datendurchsatz gilt in Japan heutzutage als langsam. DSL-Leitungen werben mit Datendurchsätzen von bis zu 50 Megabit, Glasfaser mit bis zu 100 für Privatnutzer und einem Gigabit pro Sekunde für Unternehmenskunden. Japans größter Festnetztelefonanbieter NTT garantiert Nutzern sogar die volle Bandbreite und startet dieses Jahr die Netzwerke der neuen Generation, bei denen alle Information (auch Sprache) wie im Internet in kleinen Datenpaketen übertragen werden. Und vorigen Monat gelang es Japans zweitgrößter Festnetzgesellschaft KDDI Daten mit 100 Gigabit ohne zusätzlich Verstärkung über 1000 Kilometer durch Glasfaserleitungen zu übertragen. Derzeit müssen dazu noch zehn Leitungen gebündelt und zehn Verstärker zwischengeschaltet werden. Bereits in den Anfangsjahren der kommenden Dekade soll das System eingesetzt werden.
Mit etwas Zeitverzögerung entzünden die technischen Möglichkeiten nun auch einen heißen Wettbewerb um die Vorherschaft im Internet-TV-Markt zwischen Festnetzbetreibern, den TV-Herstellern mit ihrem Internet-TV-Portal "acTVila" und Japans größtem Internetportal Yahoo Japan. NTT beispielsweise hat "Plala" online geschaltet. Kunden erhalten damit Zugang zu zahllosen Fernsehkanälen, darunter die Deutsche Welle, 5000 Filmen und Folgen von Serien im für Abonennten kostenlos verfügbaren Bereich und weiteren 5000 Inhalten im zusätzlichen Bezahlbereich. Filme kosten von einem bis 4 Euro Gebühr. Die Grundgebühr für Plala beträgt rund 25 Euro.
Auch im Video-on-demand-Geschäft für Hotels tobt der Kampf. Zehn Video-Vertreiber wetteifern um inzwischen mehr als 100.000 Hotelräume, die mit mit VoD-Diensten ausgestattet sein wollen. Der Markt hat sich damit in den vergangenen vier Jahren verzehnfacht. Um die lukrativen Hotels als Kunden zu fangen, geben die VoD-Dienste den Häusern inzwischen nicht mehr nur 15 Prozent der Gebühreneinnahmen ab, sondern bis zu 50 Prozent.
Und das ist erst der Anfang. Ab 2009 könnte die Glasfaser sogar noch Konkurrenz vom mobilen Internet erhalten, wenn Docomo sein "Super-3G"-Netzwerk der nächsten Generation startet. In der Endausbaustufe soll das mobile Internet Daten mit bis zu 300 Megabit durch den Äther jagen. Ziel der japanischen Regierung und der Konzern ist es, dem Rest des Planeten in dieser Technologie ein bis zwei Nasenlängen voraus zu sein, um dann später den Weltmarkt zu dominieren. Das muss nicht unbedingt gelingen, wie das Beispiel Handys zeigt: Japans Mobiltelefone zählen zwar zu den technologisch fortschrittlichsten der Welt, spielen aber außerhalb des Landes so gut wie keine Rolle, weil es an Kompatibilität mangelt. Der sichere Sieger sind allerdings Japans Bewohner. Denn der Wettbewerb verheißt mindestens sinkende Preise für technisch hochwertiges Fernsehen über das Internet. (wst)