Japans nuklearer Klimaschutz
Nippons Ministerpräsident Yasuo Fukuda will vor dem G8-Gipfel in seinem Land radikale CO2-Reduktionsziele vorgeben. Atomkraft soll das Wunder vollbringen. Das Atommüllproblem wird dabei einfach verbal weggezaubert.
- Martin Kölling
Die "Fukuda-Vision" soll Geschichte schreiben: Anfang Juni wird der japanische Ministerpräsident verkünden, dass sein Land die Kohlendioxidemissionen bis 2050 um 60 bis 80 Prozent senken will. Mit dem ambitionierten Vorschlag will Yasuo Fukuda vor dem G8-Gipfel im Juli die Lücke stopfen, die sein Vorgänger Shinzo Abe 2007 mit seinem "Cool Earth 50"-Plan hinterlassen hat. Abe hatte global eine 50prozentige Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes gefordert, war aber Japans Beitrag selbst schuldig geblieben.
Gleichzeitig soll das gute Beispiel die USA und später auch China in ein neues Klimaschutzabkommen ziehen, das ab 2013 dem Kyoto-Protokoll zur Reduzierung der Treibhausgase folgen soll. Und zuletzt will Fukuda wohl mit großen Tönen Japans blamable Reduktionsbilanz im Rahmen des Kyoto-Protokolls übertönen. Die selbst erklärte fernöstliche Umweltgroßmacht wird ihr Ziel, die Kohlendioxidemissionen im Vergleich zu 1990 um sechs Prozent zu senken, nicht erreichen. Stattdessen ist der Ausstoß umgekehrt um rund sechs Prozent gestiegen.
An der blamablen Bilanz ist zum einen die Industrie schuld. Nicht weil sie Energie verschwendet – im Gegenteil. Japans Fabriken zählen weiterhin zu den energieeffizientesten der Welt. Aber die Unternehmen sind so erfolgreich gewesen, dass sie mehr im Land produzieren als früher und die Mehrproduktion mit Energiesparen selten ausgleichen konnten. Mehr noch sind allerdings die Bewohner schuld. Denn sie ersetzen ihren energiearmen traditionellen durch einen energiehungrigen westlichen Lebensstil, ohne gleichzeitig die fortgeschrittenen Isolierungstechniken des Westens mitzuimportieren. Und so kühlen die Klimaanlagen im Sommer die Außenluft mit und heizen im Winter den Himmel.
Fukudas großes Geheimnis ist deshalb, wie er die ambitionierten Ziele erreichen will. Haushaltsgeräte sind im Land der aufgehenden Sonne inzwischen so sparsam, dass sich hier nicht mehr viel an Verbrauchssenkung herausholen lässt. Der Einsatz von Hausisolierung schreitet im Schneckentempo voran, weil Japans Firmen wenig Wissen darüber besitzen und Japans Regierung den aktiven Technikimport – sprich die Ansiedlung fortschrittlicher Firmen aus dem Ausland – nicht mit Volldampf vorantreibt. (Schließlich gilt es, die eigene Industrie zu schützen.) Eine andere Methode wäre, die über 2,6 Millionen Getränkeautomaten im Lande zu verbieten, die in der Sommersonne gekühlt und in den Winterwinden gewärmt werden müssen, um so auf einen Schlag ein bis zwei Atomkraftwerke einzusparen. Aber das dürfte politisch nicht opportun sein, weil die an bequeme Bedürfnisbefriedigung gewöhnten Untertanen diesen Schritt übel nehmen dürften.
In ihrer Not setzt die Regierung in ihrem bisherigen Klimaschutzplan "Cool Earth 50" auf ein Sammelsurium aus 21 Technologien, darunter hocheffiziente Verbrennung fossiler Brennstoffe, supraleitfähige Stromleitungen, intelligente Transportsysteme mitsamt Heerscharen an Elektroautos, Brennstoffzellen für Autos und den Hausgebrauch – sowie Sonnen- und Kernenergie. Doch was wie ein umfassender Ansatz aussieht, reduziert sich bei genauerer Betrachtung vor allem auf eine Förderung der Atom- und teilweise der Sonnenkraft. Denn wie sonst sollte all der Strom und der Wasserstoff für vermeintlich klimasauberes Wachstum ohne Kohlendioxidemissionen erzeugt werden?
Vor allem in der Atomkraft stellt der Staat gemeinsam mit den Unternehmen die Weichen auf Expansion. Japan will den Anteil von Atomkraft an der Stromerzeugung in den kommenden Jahrzehnten von 30 auf 40 Prozent erhöhen. Das Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie betete erst im März dieses Jahres im Fahrplan für die Umsetzung der "Cool Earth"-Ziele sein übliches Mantra herunter:
"Atomkraft hat eine exzellente Stabilität in der Stromproduktion und sie stößt kein Kohlendioxid bei der Stromerzeugung aus. Sie ist derzeit die einzige saubere Quelle für große Mengen an Strom in Japan. Sie ist eine Energiequelle, die sowohl die Kohlendioxidemissionssenkung als auch die Entwicklung der Wirtschaft leistet. Denn sie ist in der Lage, stabil Strom, der notwendig für ökonomische Entwicklung ist, zu relativ niedrigen Preisen zu erzeugen."
Die amtliche Strategie für die Einführung neuer Techniken sieht voraus, dass ab Mitte des nächsten Jahrzehnts zuerst kleine zusätzliche Atommeiler eingeführt werden. Ab 2025 folgen Leichtwasserreaktoren der neuen Generation. Um 2050 soll die Entwicklung in den Bau von Schnellen Brütern gipfeln, um den nuklearen Brennstoffkreislauf, sprich die Verbrennung von Plutonium, endgültig zu schließen. Den vorletzten Schritt zum Abschluss des Zirkels machte das Ministerium vorigen Monat, als es die Baugenehmigung für den ersten kommerziellen japanischen Reaktor erteilte, der Mischoxid-Brennelemente verwendet. Diese nutzen Uranoxid und Plutoniumoxid, das bei der Wiederaufbereitung anfällt.
Industriepolitisch soll die einheimische Förderung der Atomkraft als Hebel dienen, Japans Firmen einen Spitzenplatz in der Welt zu sichern. Interessanterweise koaliert dabei ein Teil der japanischen Kraftwerksbauer mit US-Konzernen (Toshiba hat Westinghouse gekauft, Hitachi ist eine Kooperation mit General Electric eingegangen) und einer, nämlich Mitsubishi Heavy, mit Frankreichs führendem Meilerhersteller Areva. So stellt Japan sicher, dass die nationale Atomindustrie auf jeden Fall auf der Siegerseite steht.
Auch die Kohlendioxidemissionen könnten wahrscheinlich gesenkt werden. Nur die fehlenden Konzepte für die sichere Endlagerung des Atommülls trüben die feine Öko-Bilanz von Japans Wirtschaftsplanern. Aber das wird der Bevölkerung verschwiegen, der Umgang mit Atommüll in keinem der amtlichen Energiesparpläne erwähnt. Ganz offensichtlich setzt die Regierung ganz nach Karl Marx darauf, dass sich dieses Problem irgendwie löst. "Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann", schrieb der Vater des Kommunismus einst, "denn genauer betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess ihres Werdens begriffen sind". Aber Atomkommunismus würden die japanischen Planer ihre Strategie sicher niemals nennen. (wst)