Möge der Fuji mit Dir sein!
Hightech und stolze Weiblichkeit in einer ungewöhnlichen Comicreihe aus dem Morgenrot der digitalen Revolution.
- Peter Glaser
Als Anfang der Achtzigerjahre die Urväter der heutigen Spielkonsolen den Markt eroberten, war der Atari 2600 eine Sensation. Bildschirmspiele in 114 Farben! Gleichzeitig! Eine Sonderform dieser Sensation war, dass den Spielen auch noch Mini-Comics beigelegt waren – Atari Force genannt. Eine Handvoll multi-ethnischer Heroen in wundervoll weißroten Uniformen hatte Aufgaben zu meistern und Abenteuer zu bestehen, wie sie größer nicht sein können.
Und das ging so: Wir befinden uns in der Zukunft – im Jahr 2005 in NorthCal, jenem Teil Nordamerikas, der vor dem Untergang Kalifornien geheißen hatte. Hier steht das Hauptquartier des "Advanced Technology and Research Institute" (ATARI), ein scheinwerferbestrahlter Wolkenkratzer in Form des Fuji-Logos der Firma Atari. Krieg und Umweltzerstörung haben die Erde in eine Wüste verwandelt. Im Atari-Institut weiß man einen Weg aus der Menschheitskatastrophe: Das mit multidimensionalem Warpantrieb versehene Raumschiff Scanner One und das Project Multiverse. Die Suche nach einer anderen bewohnbaren Welt beginnt ...
Früh haben die Atari-Force-Schöpfer die aufkommende düstere Cyberpunk-Stimmung verspürt, die wenig später via Blade Runner in den Mainstream hinausstrahlte – Szenarios, in denen der Kosmos nicht mehr so staubgesaugt aussieht wie in Star Trek, und in denen es dramatischen Realismus und kämpferische Frauen gibt. In der Computersubkultur begann sich damals ein neues weibliches Selbstverständnis zu erproben. Das 1980 von Dona Bailey entwickelte Atari-Game Centipede etwa war das erste von einer Frau entworfene Arcade-Spiel überhaupt. "Unser Ziel war es, glaubwürdigere Science-Fiction zu schaffen", sagt Dick Giordano, der beim Comichaus DC das Atari-Force-Team leitete.
Atari Force gab die ersten Antworten auf die Frage, wie eine Verbindung aus Hightech und Weiblichkeit aussehen könnte. Space-Ninja-Girls und futuristische Führungsfrauen zeichneten den Weg vor, den später Lara Croft (Tomb Raider), Christie Monteiro (Tekken) oder Chun-Li (Street Fighter) beschritten, um den Cyberspace in einen Weiberspace zu verwandeln. Wobei es heute bereits so weit ist, dass männliche Spieler sich gern in Frauen verwandeln, um besser zu überleben – in Killerspielen wie Quake etwa sind weibliche Figuren oft schlanker, beweglicher und damit schwerer zu töten als die anderen.
Verantwortlich für die Atari-Force-Hefte zeichnete wie erwähnt DC Comics, die Heimat von Superman, Batman und Wonder Woman. Da damals sowohl Atari als auch DC zu Warner Communications gehörten, war die Verbindung naheliegend. Nebenbei erwies sich Atari Force auch als stilbildend. Bei DC Comics ging aus der Idee die erste "graphic novel" hervor (Star Raiders). Das Thema Umweltzerstörung nahmen danach in den Neunzigerjahren noch mal Comics wie Toxic Avenger oder die Teenage Mutant Ninja Turtles auf.
Die Wiederentdeckung wird einem auch von treusorgenden Fans leicht gemacht. Das Atari-Force-Heftchen-Universum wird im Netz nach wie vor sorgsam gehegt. Fans saugen nach über einem Vierteljahrhundert immer noch jedes Tröpfchen Nachrichtennektar über ihr Lieblingsthema auf. Für manchen Comic-Sammler ist es eine Sentimental Journey in die Spielewelten der frühen Jugend, andere fangen erst jetzt richtig Feuer. Heute, wo IT-Verantwortliche stromfressende Riesenrechenzentren zu bändigen versuchen und Green Computing zum neuen Leitstrahl wird, ist diese Comic-Reihe, die als eine der ersten auch Hightech und Umweltgefährdung thematisiert hat, frisch wie Zitronengras. (wst)