Denkschablonen zur Rettung der Welt

Ein Gedankenexperiment, auf das mich ein militanter Vegetarier namens Paul McCartney gebracht hat.

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Von
  • Niels Boeing

Von Ex-Beatle Paul McCartney wurde vor einigen Tagen folgende Aussage berichtet: „Wenn irgendjemand versucht, den Planeten zu retten, ist alles, was er oder sie tun muss, aufzuhören, Fleisch zu essen.“ Umweltschützer, die zugleich Fleisch äßen, könne es nicht geben, zitierte Spiegel online den guten „Macca“. Ganz falsch ist das nicht: Die weltweite Nutztierhaltung beansprucht 70 Prozent aller Agrarflächen weltweit, und in CO2-Äquivalenten ist das viehische Methan-Gefurze für beachtliche 18 Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich (aus „Livestock’s long shadow: Environmental issues and options“, LEAD 2006).

KĂĽmmern wir uns fĂĽr den Augenblick nicht darum, ob McCartney ein reicher Spinner ist, sondern spielen wir einmal durch, welche Wege es in eine fleischlose Kultur vorgeschlagen wĂĽrden, wenn ein weitgehender Konsens darĂĽber bestĂĽnde, das Problem aus der Welt zu schaffen:

  1. Der Verbraucher muss ran: Wir belegen Fleischkonsum mit dem Ruch „politisch unkorrekten“ Verhaltens und appellieren an alle Verbraucher, es sein zu lassen und wenn das nicht hilft, bestrafen wir sie.
  2. Die Politik muss ran: Die Staaten einigen sich in einem internationalen Protokoll auf einen Ausstieg aus der Fleischproduktion, und den Landwirten in aller Welt wird dieser mit Zahlungen aus einem globalen Fonds erträglich gemacht.
  3. Die Technik muss ran: Forscher entwickeln gentechnisch optimierte Nutztiere, die kein Methan mehr ausstoĂźen und fĂĽttern sie mit synthetischem Viehfutter, das aus dem Tank und nicht vom Acker kommt.

Welcher Ansatz wäre realistisch? Richtig: keiner. Aber im Prinzip sind das die Denkschablonen, die den gegenwärtigen Diskurs über einen Umbau zu einer umweltverträglichen Zivilisation beherrschen.

Wie gut das funktioniert, kann man an verschiedenen Beispielen sehen. Zu 1: Obwohl eigentlich alle Autofahrer wissen, dass sie viel CO2 in die Luft pusten, gibt es weder einen massenhaften Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel noch einen auf 3-Liter-Autos oder noch umweltfreundlichere Technologien. Es gibt immer einen guten Grund, warum das jetzt gerade nicht passt.

Zu 2: Internationale Abkommen sind zahnlos – das Übereinkommen zur biologischen Vielfalt, über das gerade in Bonn beraten wird, hat den Rückgang der Biodiversität ebensowenig aufgehalten, wie das Kioto-Protokoll die Treibhausgasemissionen nennenswert senken konnte. Es gibt immer Staaten, die sich nicht an solche Abkommen halten, oder die vereinbarten Instrumente greifen nicht. Einzige Erfolgsgeschichte ist das Montreal-Protokoll, dessen Umsetzung die Nutzung von die Ozonschicht schädigenden FCKW beendete.

Zu 3: Jede neue Technologie hat unvorhersehbare Nebenwirkungen. Die vielgepriesene digitale Weltinfrastruktur aus Rechnern und Netzwerken sollte zur drastischen Entstofflichung von ökonomischen Prozessen beitragen. Daraus wurde bekanntlich nichts, und mehr noch, diese „Eine Maschine“ (Kevin Kelly) ist inzwischen selbst für gut 5 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs und damit 1,6 Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Tendenz: steigend.

Neben meinem Schreibtisch hängt ein Ytong-Stein, auf den ein Künstler „Fehler im System“ geschrieben hat, darunter binäre Zahlenkolonnen. Wo liegt der Fehler in unserem System? Wird überhaupt, von ein paar Wissenschaftlern abgesehen, systemisch gedacht? Oder sind es so viele Fehler, dass wir sie – ähnlich wie bei diesen Geduldspielen, bei denen man mehrere Kügelchen gleichzeitig in verschiedene Löchern balancieren muss – nicht auf einmal bewältigen können?

Der Technikphilosoph Andrew Feenberg hat in seinem Buch „Question Technology“ (1999) auf ein Spannungsverhältnis in der Umweltdebatte hingewiesen, das sich bereits Anfang der siebziger Jahre im Streit zwischen Paul R. Ehrlich und Barry Commoner wiedergespiegelt habe, und das auf eine Antwort weisen könnte: „Die Umweltbewegung muss sich entscheiden zwischen einer repressiven Politik, die die Kontrolle über das Individuum erhöht, oder einer demokratischen Politik, die die sozialen Prozesse der Produktion kontrolliert...“

Letzteres wäre eine Alternative zu den drei obigen Muster, die Probleme an den Verbraucher, die internationale Politik oder die Technik zu delegieren. Wie aber könnte dieser „radikale Wandel“ des Produktionssystems, wie Feenberg es formuliert, praktisch aussehen? Und – welcher versteckte Preis wäre hierfür am Ende zu zahlen? (wst)